Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

30. Oktober 2017
von Carls Inge
Keine Kommentare

Wortneuschöpfung #3: Wehwut

Als ich über Melancholie schrieb, erwähnte ich das Wort Wehmut, das mir dabei in den Sinn kam. Und nahm mir vor, einmal intensiver darüber nachzudenken. Ein schönes Wort, fand ich und finde ich immer noch.
Aber warum bloß aus zwei so widersprüchlichen Begriffen zusammengesetzt? Die ich doch als Ganzes begreifen wollte?

Weh bedeutet Schmerz, Leid, Kummer.
Mut hat zu tun mit Wagnis, mit Tapferkeit, mit sich etwas zutrauen, das nicht selbstverständlich ist.
Wie passt das zusammen, fragte ich mich. Und vor allem: Wie passt das zu dem Gefühl, das ich habe, wenn ich wehmütig bin?

Ich horchte in mich hinein. Fühlte. Weiterlesen →

27. Oktober 2017
von Carls Schreiberin
Keine Kommentare

Verblüffende Sätze #2: Ich lerne noch

Neulich. In der Lottoannahmestelle in meiner Nähe. An dem Schalter, der als Postamt fungiert. Wenn man das Schalter nennen kann. Theke trifft es vielleicht eher. Tut aber auch nichts zur Sache.

Jedenfalls: An dieser Theke steht Frau M. und will wissen, was sie für mich tun kann.

Ich weiß, dass sie Frau M. heißt, weil auf der Theke ein Schildchen aufgestellt ist. Mit Hand beschrieben. Darauf steht der Name von Frau M. Und darunter: Ich lerne noch.

Frau M. arbeitet also noch nicht lange hier. Und natürlich verstehe ich, was sie mit dem Satz auf ihrem handgeschriebenen Namensschildchen sagen will. Dass man ein bisschen Geduld mit ihr haben soll. Ihr ihre Fehler nachsehen. Das Schild sagt zwischen den Zeilen: Ich weiß, ich bin noch nicht perfekt, nehmt es mir nicht übel.

Was für ein schöner Satz.

Ich lerne noch.

Ich gucke das Schild an und will zu Frau M. sagen: Nicht schlimm. Ich lerne auch noch. Dauernd. Jeden Tag. Ungelogen.

Weiterlesen →

25. Oktober 2017
von Carls Co-Schreiber
Keine Kommentare

Sprachliche Nötigung #1: CARLs Co-Schreiber sagt nicht mehr, was er will.

Im Supermarkt meines Vertrauens sitzt ein Kassierer an der Kasse (was erst mal nicht weiter ungewöhnlich ist). Ich gehe mittlerweile seit vier Jahren dort einkaufen. Der Kassierer kannte meine Freundin schon nach zwei Wochen und brüllt seither ihren Namen quer durch den Supermarkt, wenn er sie zwischen den Regalen erspäht. Ein ähnliches Schicksal teilen viele andere Frauen, die dort regelmäßig einkaufen. Ihre Namen kennt er vom Blick auf die jeweiligen Geldkarten.
Ich vermute, er hat uns in der gesamten Zeit mindestens sechzig Mal zusammen gesehen, tut aber so, als wäre ich nicht existent, obwohl ich direkt daneben stehe und er erkennt mich demnach auch nicht, wenn ich alleine an seiner Kasse auftauche.
Aber was beschwere ich mich? Sobald er nämlich auf die Idee kommt, seine Kunden hätten chinesische Wurzeln, begrüßt er sie dementsprechend, brüllt ihnen „nie hao!“ entgegen. Erstaunlicher Weise reagieren seine Kunden immer höflich: Manche schweigen. Viele sagen: Ich spreche kein chinesisch. Manche sagen tatsächlich: nie hao. Er sagt als nächstes immer (IMMER): Ich habe eine Brieffreundin in SCHINA. Weiterlesen →

21. Oktober 2017
von Carls Inge
Keine Kommentare

Schöne Worte #13: Herbstzeitlose

Letztens schrieb ich an dieser Stelle über Melancholie und versuchte herauszufinden, was das Wort in mir auslöst. Eine facettenreiche Stimmung, die uns oft gerade im Herbst überkommt. Dabei fiel mir sofort ein weiteres schönes Wort ein, worüber ich nachdenken möchte. Herbstzeitlose.

Der Name hat mich fasziniert, seit ich ihn zum ersten Mal hörte.
Und die Pflanze beeindruckt mich, weil sie so zart aussieht und dennoch zäh und mutig sein muss. Sie blüht erst sehr spät im Jahr. Bis in den Oktober hinein, wenn schon Herbststürme und Nachtfröste drohen.
Und sie hat noch weitere gegensätzliche, beeindruckende Eigenschaften.

Doch allein das Wort. Allein der Name. Herbstzeitlose. Es reizt mich auf Anhieb, ihn in seine Bestandteile zu zerlegen. Die Worte neu zusammenzufügen. Mit ihnen zu spielen. Herbst. Zeit. Lose. Herbstzeit. Zeitlose. Herbstlose. Loseherbst. Losezeit. Zeitherbst …
Je nach Kombination klingt immer wieder Neues an, habe ich andere Bilder vor Augen. Den Herbst mit leuchtenden oder neblig-trüben Tagen. Stunden und Ereignisse, die wie aus der Zeit gefallen scheinen. Menschen, die sich loslösen aus Bindungen gemeinsam verbrachter Zeiten. Losverkäufer auf Zeit im herbstlichen Straßenbild …
Was gäbe es da nicht alles an Geschichten zu erfinden?
Und wenn der Wind über eine Wiese mit Herbstzeitlosen weht? Sieht es nicht aus, als wiegten sie sich, als nähmen sie kurz Anlauf und wollten im nächsten Moment auf und davon tanzen? Jetzt aber mal los, es wird Zeit …

Weiterlesen →

Lesezeichen

19. Oktober 2017
von Carls Co-Schreiberin
Keine Kommentare

Wichtige Worte #4: lesen

Dieses Jahr war ich zum zweiten Mal auf der Frankfurter Buchmesse. Für einen Tag. Zu kurz, um die gewalttätigen Ausschreitungen mitzuerleben (zum Glück), lang genug, um wieder von der schieren Menge an Büchern überwältigt zu werden (auch zum Glück).

Wie schön, dass sich das Buch – allen Unkenrufen zum Trotz – weiter behauptet. Wie schön, dass weiterhin gelesen wird. Nicht nur WhatsApp-Nachrichten, nicht nur Fahrpläne, nicht nur die Leviten.

Lesen, so lese ich im Duden, bedeutet, „einzeln (sorgfältig) in die Hand nehmen und Schlechtes dabei aussondern.“ Bei Aschenputtel heißt es: „… all ihr Vöglein unter dem Himmel, kommt und helft mir lesen: Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen!“ Ja, ja, hier ist nicht gemeint, „etwas Geschriebenes (…) mit den Augen und dem Verstand erfassen“ (so die weitere vom Duden vorgeschlagene Bedeutung des Worts). Weiterlesen →

17. Oktober 2017
von junge Wortklauber
1 Kommentar

Ich liebe sie und sie, und sie beide lieben mich

Ich liebe sie. Ich liebe sie unendlich stark. Sie war und ist für mich da. Ihr Schoß ist weich. Ich konnte mich immer hineinlegen und darin schlafen. Unsere Beziehung ist eng. Wir verstehen uns gut. Ich weiß, was sie will und sie weiß, was ich will. Aber das Leben lässt uns nicht machen, was wir beide wollen.
Es gibt noch ein Problem. Ich liebe eine andere. Die liebe ich vielleicht sogar mehr. Ich liebe sie immer noch. Ich kann sie nicht einfach vergessen und eine neue Liebe anfangen. Auch wenn ich weiß, dass sie mich sehr verletzt hat. Unsere Liebe hat mir wehgetan. Ihr fragt euch gerade bestimmt, wer die eine ist und wer die andere, und warum ich sie liebe und wen ich mehr liebe. Sie waren beide immer für mich da. Sie beide kennen mich gut. Gott hilf mir. Ich weiß nicht, wen ich mehr lieben soll.
Es ist sehr kompliziert, das zu entscheiden. Ich will sie beide und sie beide wollen mich. Oohhhh Mann! Wie soll ein Mensch das ertragen?
Ein Herz kann nur eine Liebe ertragen, mehr geht nicht. Ich will nicht, dass ihr beide später sagt, dass ich euch betrogen habe.
Syrien – mein Heimatland – war und ist für mich die große Liebe. Ich fühlte mich immer wohl bei ihr. Aber was mir wehtut: Sie ist fast tot. Sie wird jeden Tag von allen überall verletzt. Sie kann nicht mehr auf mich aufpassen. Sie kann nicht mehr leben. Sie ist tot und kann sich nicht heilen. Ich wollte ihr helfen, aber das ging leider nicht.
Wie kann ein normaler Mensch gegen Raketen, Bomben, Anschläge kämpfen? Sie kann mich nicht mehr umarmen, weil ihr ganzer Körper blutet und wehtut.
Ich habe mein Lächeln verloren. Ich habe sie und viel in meinem Leben verloren.
Ich bin sehr verwirrt und durcheinander.
Aber dann lerne ich Essen kennen. Weiterlesen →

16. Oktober 2017
von Carls Schreiberin
1 Kommentar

Wortentdeckung #8: Herbst

Wir haben Herbst.
Herbst kommt nach Sommer. Das ist jedes Jahr so. Aber dieses Jahr trifft es mich unvorbereitet. Weil es mir vorkommt, als wär der Sommer gar nicht richtig da gewesen. Oder er war da, ist aber an mir vorbei gegangen.
Er hätte doch mal Bescheid sagen können. Anklopfen. Hallo, hier bin ich. Dann hätte ich mir doch auch Zeit für ihn genommen.
Jetzt fühle ich mich betrogen vom Sommer. War da und zu schnell wieder weg.
Warte, will ich sagen. Bleib noch. Warst doch kaum da. Musst du denn schon wieder weg?

Aber ich muss an meine Oma denken, die meiner Mutter immer das Gefühl gegeben hat, zu kurz da zu sein. Dabei hat sie die Zeit, in der meine Mutter da war, einfach bloß nicht richtig genutzt. So wie ich. Mit dem Sommer. Ich finde, ich sollte ihn gehen lassen. Ich habe kein Recht, dem Sommer ein schlechtes Gewissen zu machen. Vielleicht ist es auch dumm, ihm ein schlechtes Gewissen machen zu wollen. Vielleicht hat er dann nächstes Jahr keine Lust, hier zu sein.

Also sage ich: Geh ruhig, Sommer. Geh ruhig. Wir sehen uns im nächsten Jahr. Hau rein. Ruh dich gut aus.
Der Sommer antwortet nicht. Er ist ja schon weg. Über alle Berge. Irgendetwas sagt mir, dass er nicht einmal eine Postkarte schreiben wird. Und ich muss mich anfreunden mit dem Herbst. Auch dann, wenn er kalt und nass und grau ist und gar nicht dran denkt, mir ein kleines Leuchten zu schenken.

Weiterlesen →

13. Oktober 2017
von junge Wortklauber
Keine Kommentare

Wichtige Worte #3: Menschlichkeit

Montage sind immer sehr anstrengend, weil ich lange Schule habe. Und dann noch arbeiten? An einem Montag war ein anderer Mitarbeiter nicht da, also bat mich mein Chef, an diesem Tag ausnahmsweise zu arbeiten. Ich kam gerade von der Schule, legte meine Tasche auf die Couch und hätte gern kurz geschlafen, aber, nee, das ging nicht, da ich nur eine halbe Stunde hatte und dann losfahren musste.
 
Draußen regnete es sehr stark, so stark, dass ich vor Angst meine Fenster zumachte. Ich schaute nach draußen. Erinnerungen aus der Kindheit kamen vor meine Augen. Wenn es regnete, durften wir nicht rausgehen. Es gab bei uns immer die Gefahr, dass das Wasser von den Bergen unsere Häuser unter Wasser setzte und sie zerstörte. Während es regnete, kamen ganze Familien in einem Zimmer zusammen. Jetzt stellte ich mir vor, wie ich zu Hause neben meiner Mama sitze und sie meine Haare streichelt.
Man sagt, Männer weinen nicht so einfach. Das stimmt nicht. Manchmal kommen auch uns Männern Tränen in die Augen, selbst wenn wir es nicht wollen.
Für kurze Zeit verlor ich mich in der Vergangenheit, in der Heimat, wo wir alle zusammengelebt hatten, wo das Leben eine Bedeutung hatte.
Dann holte mich der Klang des Donners zurück. Die Tränen kullerten mir über die Wangen. Ich machte mein Gesicht sauber und trank etwas Wasser. Es regnete immer noch, aber nicht so stark wie vorher. Ich machte mich auf den Weg und nahm meinen Regenschirm mit.

Auf dem Weg zur Haltestelle sah ich eine Oma, die in einer Hand einen Stock und in der anderen Hand eine Einkaufstüte hatte. Es regnete noch immer, und es war kalt. Die Oma hatte keinen Regenschirm dabei und trug keine Winterjacke. Alle liefen an ihr vorbei, so, als ob da überhaupt kein Mensch auf dem Weg stand. Keiner guckte sie an. Sie stand im Regen und wartete. Vielleicht hoffte sie, dass jemand käme und ihr hilft. Ich hatte nur noch paar Minuten, bis meine Bahn kam.
Ich sah die Frau, die hilflos alleine stand und der die Regentropfen über das Gesicht liefen.
Hatten alle so Wichtiges vor, dass niemand ihr einen Regenschirm geben konnte, dass niemand
ihre Tasche nahm oder sie fragte, ob sie Hilfe brauchte?
Das Leben ist so geworden, dass jeder nur an sich selbst denkt und die anderen auf der Welt
wertlos erscheinen. Heute haben wir vielleicht alles, was wir brauchen. Aber das wird nicht immer so sein. Wir Menschen brauchen einander. Weiterlesen →

12. Oktober 2017
von Carls Co-Schreiber
Keine Kommentare

Verblüffende Sätze #1: Es regnet aktiv.

Neulich im Zug: Eigentlich will ich schreiben, stattdessen höre ich zu. Eine Frau hinter mir redet. Sie ist gerade auf dem Weg zu ihrer Tochter nach Aachen. Erst kürzlich sei diese ausgezogen, hat sich jetzt eingerichtet und die Mutter ist sehr gespannt, wie es jetzt bei ihrer Tochter aussieht. Sie füllt den gesamten Wagon mit Aufregung und Euphorie, vor allem aber mit Worten. Selten jemanden so viel reden gehört. Wer da wohl neben ihr sitzt, der oder dem sie die ganzen kleinen Geschichtchen erzählt? Tapfer schweigend, vielleicht ab und zu nickend.
Die töchterliche Trennung von ihrem Freund ist jetzt Geschichte und dann geht es richtig ans Eingemachte. Eben gerade ist das Wort „Schmierblutung“ gefallen. Die arme Tochter, denke ich. Als die Episode abgeschlossen ist, nimmt ihr Redefluss ein jähes Ende. Ob sie spürt, dass sie übers Ziel hinausgeschossen ist? Die Schmierblutung ein etwas zu intimes und zu wenig appetitliches Detail für Smalltalk im RE1 war? Weiterlesen →

10. Oktober 2017
von Carls Inge
4 Kommentare

Schöne Worte #12: Melancholie

Jetzt gibt es auf CARL nach CARLS Schreiberin, CARLS Co-Schreiber und Co-Schreiberin und nach den jungen Wortklaubern also auch mich, CARLs Inge. Eine Schreiberin, die schon erwachsene Kinder hat. Und Enkelkinder, die nicht mehr ganz klein sind.
Ich bin also alt. Aber genau wie die jungen CARLs SchreiberInnen liebe ich gewisse Worte. Sammle sie seit langer Zeit. Mache mir schon seit meiner Kindheit schreibend Gedanken über Worte und was sie – mir – bedeuten.

Melancholie ist ein solches Wort, das mir in den vergangenen Tagen immer wieder durch den Kopf geht. Melancholie.
Uneindeutig, denke ich.
Wenn ich es leise vor mich hin sage, lausche ich dem Klang nach, und dann blättert es sich mir in seiner ganzen Farbigkeit auf.
Ja, blättert. Denn jetzt im Herbst, wenn bei jedem Windhauch Blätter von den Bäumen wehen, ist sie besonders deutlich zu spüren, die Stimmung, die sich hinter dem Wort Melancholie verbirgt. Und ich käme auch kaum ganz an dieser Stimmung vorbei, selbst wenn ich sie nicht wollte oder sie mir nicht eingestehen wollte.
Aber ich will ja.

Und gerade jetzt möchte ich wieder einmal gründlicher darüber nachdenken, was Melancholie für mich heißt, was sie in mir bewegt.
Weiterlesen →