Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

27. November 2017
von Carls Schreiberin
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Zeitreise durchs Ruhrgebiet

Anlässlich der Finissage von „Wege zur Metropole Ruhr – Heimat im Wandel“ führen CARLs Inge und ich durch die Ausstellung. Die Ausstellung zeigt den Wandel der Region von den 70er-Jahren bis heute in Fotos und Zahlen. Im Zentrum stehen Fotos von repräsentativ ausgewählten Orten im Ruhrgebiet (aus Essen, Bochum, Gelsenkirchen, Dortmund, Duisburg, Oberhausen, Herne, Bottrop, Castrop-Rauxel, Witten, Gladbeck) – 1972 und heute fotografiert.

Passend zu den Bildern in der Ausstellung lesen wir eigene Texte und nehmen die Besucher mit auf eine kleine Reise quer durch das Ruhrgebiet und quer durch die Zeit. Unter anderem lesen wir auch aus unseren im Verlag Henselowsky Boschmann erschienenen Romanen „Leben und Träume der Mimi H.“, „Eisengarn“, „Immer muss man mit Stellwerksbränden, Streiks und Tagebrüchen rechnen“ und „Ruhrpottkind“. Und außerdem aus verschiedenen Anthologien. Eine schöne bunte Mischung, die durch Raum und Zeit führt.

03.12.2017, 11:00 Uhr
„Kubus“ im Haus Weitmar auf dem Gelände von „Situation Kunst“, Nevelstraße 29, 44795 Bochum Weiterlesen →

Manchmal müssen auch Leiter(n) ruhen

24. November 2017
von Carls Co-Schreiberin
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Wortentdeckung #8: Leiter(n)

Im November wird für die dunkle Jahreszeit aufgerüstet. Und so sehe ich an vielen Orten Menschen auf Leitern, die Lichterketten in Bäume friemeln. Schön ist das. Und erhellend. Ich denke mir, was für ein Glück, dass wir Leitern haben. Leitern.

Ich muss daran denken, wie wir im Sommer mit der Wortklauber-Redaktion ein Picknick planten. Eine Menge Speisen und Getränke sollten zum Nordsternpark geschafft werden. Ein Redaktionsmitglied hoffte, dass „die Leitern“ vielleicht ein Auto für den Transport zur Verfügung hätten. Die Leitern? Wie soll man auch darauf kommen, dass der Plural von Leiter je nach Bedeutung mal mit, mal ohne „n“ gebildet wird, wenn man erst seit wenigen Monaten in Deutschland lebt. Und immerhin gibt es ja sogar Leiterwagen, die für ein Picknick geradezu ideal sind.

Ich frage mich also, worin eigentlich der Unterschied besteht zwischen Leiter und Leiter. Leiten wir nicht alle, egal ob Trittleiter, Redaktionsleiter oder elektrische Leiter? Weiterlesen →

22. November 2017
von Carls Inge
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Wichtige Worte #5: Paradiese erinnern

Jean Paul hat geschrieben: Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.

Manche Menschen erinnern ihre Kindheit als Paradies. Andere die Zeit einer unbeschwerten Liebe. Wieder andere das Land, in dem sie aufgewachsen sind.

Moutasm Alyounes, einer von Carls jungen Wortklaubern, hat hier im Blog einen anrührenden, poetischen Text geschrieben, der noch in mir nachhallt. „Ich liebe sie und sie, und sie beide lieben mich“. Er erzählt davon, wie zerrissen Moutasm sich fühlt zwischen seiner Liebe zu dem Land, aus dem er kommt, und der Stadt Essen, die ihm ein neues Zuhause geschenkt hat. „Syrien – mein Heimatland – war und ist für mich die große Liebe. Ich fühlte mich wohl in ihr.“

Der junge Autor spricht nicht von Paradies. Und doch scheint er seine Heimat zumindest eine Zeit lang als paradiesisch empfunden zu haben. Er trauert ihr nach und leidet unter dem, was seinem Land widerfahren ist und weiterhin widerfährt. Aber er erinnert sich auch immer wieder an das Schöne, das ihn vermutlich sein Leben lang mit diesem Land verbindet. Er bewahrt das frühere Leben in all seiner Vielfalt in seinem Inneren. Speichert es in seinem Gedächtnis. Behält es aber auch und umso eindrücklicher, indem er darüber spricht und darüber schreibt. Indem er uns Leser an seinem Erinnern teilhaben lässt.

Gleichzeitig verharrt er nicht in der Erinnerung. Klammert sich nicht an die Vergangenheit als letzten Rettungsanker. Er ist offen für eine neue Liebe, wie er sein jetziges Zuhause im Ruhrgebiet nennt.

Wir alle kennen die Geschichte von Adam und Eva, die aus dem ursprünglichen Paradies, dem Garten Eden, vertrieben worden sind. Weiterlesen →

19. November 2017
von Carls Co-Schreiber
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Wortneuschöpfung #3: Nachfreude

Neulich erzählte mir ein Freund, er hätte etwas festgestellt. „Vorfreude“, sagte er, „ist wirklich die schönste Freude.“ Er war im Urlaub und weiß genau, dass er sich in diesem Urlaub nicht einmal so gefreut hat wie vorher. Ich muss an unsere Junge Wortklauberin Johanna denken. Sie schrieb im Sommer, ihre Vorfreude auf den Urlaub, musste zu schnell dem Vorbereitungsstress weichen. Und auch CARLs Inge hat sich kürzlich der Vorfreude gewidmet: Die Dunkelheit des Winters, schreibt sie sinngemäß, macht es möglich, dass wir uns schon mal auf das Grün des Frühjahrs vorfreuen können.

Mein Kumpel hat andere Sorgen. Der meint: „Du bist an einem wunderbaren Ort, aber weißt es nicht zu schätzen, suchst Probleme, wo keine sind. Vielleicht hättest du besser das andere Abendessen gewählt – irgendwas. So was passiert dir bei der Vorfreude nicht.“

Ich frage mich, ob das überhaupt geht: die große Freude des Moments spüren. Bewusst. Das würde ja bedeuten: Ich muss im freudigsten Moment darüber nachdenken, wie freudig er ist. Würde ich mit dem Gedanken daran nicht mein Freudenkartenhaus einstürzen lassen und den schönen Moment damit zerstören? Schwierig. Weiterlesen →

meine Vorräte

16. November 2017
von junge Wortklauber
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Erinnerungen an den Sommer – und warum Ferien nicht gleich Ferien sind

„In den Tiefen des Winters erfuhr ich schließlich, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer liegt“, hat der Philosoph und Autor Albert Camus mal gesagt.
Noch ist der Winter nicht da, obwohl die Temperaturen schon an ihn erinnern. Liegt in mir auch ein unbesiegbarer Sommer? Und wie sieht der eigentlich aus?

Als ich noch Schüler war, bestand ein schöner Sommer vor allem aus den Sommerferien. Und Sommerferien bedeuteten: ausschlafen, lange draußen mit Freunden spielen, tolle Urlaube, lange wach bleiben, möglichst wenig tun, was auch sich auch nur im entferntesten mit dem Begriff Schule verbinden lässt.

Seit ich mein Studium angefangen habe, hat sich meine Definition von Ferien allerdings um einiges geändert. Offiziell sind es ja auch nicht mehr die Semesterferien, sondern die vorlesungsfreie Zeit. Natürlich ist es je nach Student unterschiedlich, was man aus der Zeit, in der keine Vorlesungen stattfinden, macht.

Für mich war der Unterschied Sommerferienvorlesungsfreie Zeit nicht ohne.
Ich bin Student einer Geisteswissenschaft, wo mangelnde Berufserfahrungen, Praktika und Engagement eher darin enden können, dass du nach dem Studium deine Vormittage vor dem Arbeitsamt verbringen wirst, statt mit einem seriösen Job. Weiterlesen →

9. November 2017
von Carls Bernd
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Wie mein Bäcker gleich drei Monate vernachlässigt oder: der BÄRendienst

Immer im zehnten Monat des Jahres – und nur in diesem – gibt es bei meinem Bäcker den Okto-BÄR; versteht sich von selbst, dass ich ihn nicht kaufe, weil mir das Wortspiel einfach zu platt ist. Was mich aber wirklich verwundert: die Ungleichbehandlung der Monate, als wäre der Okto- der einzige BÄR im Jahr. Ist er nicht. Wenn ich mich gerade noch dem von der Bäckersfrau vorgetragenen Argument wohlwollend nähere, im DezemBÄR gabe es schließlich statt des BÄREN nen echten Kerl, namlich den Stufenkerl.

(Kleiner Einschub: Stutenkerl, noch so ein komisches Ding, das es nur in dem einen Geschlecht gibt. Der Stutenkerl ist natürlich männlich und – OMG – raucht. Zwar nur Pfeife, aber immerhin. Was ihm fehlt zum Glück: die Stutenkerlin, vielleicht mit Kleidchen und ohne Pfeife, reicht ja, wenn einer raucht … und das mit dem Kleidchen nehme ich natürlich sofort wieder als messerscharf erkanntes genderstereotype zurück … echte Stutenkerle können selbstredend in der Bäckereiauslage auch Kleidchen tragen, aber das ist eine andere Geschichte …)

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Peace-Zeichen

6. November 2017
von junge Wortklauber
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Wichtige Worte #5 und #6: Freiheit und Frieden

Samstag 23.09.2017,
13:20 Uhr,
Porschekanzel. Essen.

Es scheint dort etwas los zu sein.
Ich sehe manche Leute, die sitzen und viele andere, die herumstehen.
Es wird Kuchen und Kaffee angeboten.
Einen Kaffee hole ich mir gerne. Ich stelle mich in die Nähe und fange an, mir die Schilder und Plakate anzugucken.
„MLPD“ steht überall drauf.
Eine politische Kleinpartei.
Ich kenne die Partei zwar, und ich weiß, dass es eine linksradikale deutsche Partei ist, die auch im Ausland aktiv ist. Aber viel mehr weiß ich nicht über sie.

Ein Redner wird vorgestellt: Cemil Gültekin ist ein kurdischer Rentner aus Essen, der von einer türkischen Justiz vors Essener Gericht geladen worden ist mit dem Vorwurf „Beihilfe zur Unterstützung einer Terrororganisation“.
Er nimmt das Mikrofon in die Hand und fängt an zu reden.
Auf türkisch.
Eine Frau übersetzt:

„Unser Land Kurdistan wurde vor vielen Jahren in vier Teile geteilt. Und jeder Teil gehört zu einem anderen Land mit einer anderen diktatorischen Regierung.
Danach waren die Kurden in der Geschichte immer in einem Krieg und sind umgebracht worden.
Saddam im Irak,
Assad in Syrien,
Khamenei im Iran,
Erdogan in der Türkei und viele andere waren und sind gegen die Kurden und kämpfen gegen sie …“

Die Kurden haben alle Arten des Sterbens erlebt.
Sie sind auf dem Fluchtweg ertrunken.
Sie sind lebendig begraben worden.
Im Feuer verbrannt worden.
Sie haben gegen große Waffen und chemische Bomben gekämpft.
Aber sie sind nie vor Angst gestorben. Weiterlesen →

2. November 2017
von Carls Schreiberin
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Schreibworkshop auf Carl // seid dabei

Ab Montag leiten CARLs Inge und ich in der Zeche Carl einen regelmäßigen Schreibworkshop für alle, die sich schon immer einmal im Schreiben versuchen wollten. Titel der Schreibwerkstatt ist „CARL. war immer dabei … Lebensgeschichten aus Altenessen“. Initiiert von der Zeche Carl.

Hier die Ausschreibung:

Sie sind in Altenessen geboren oder aufgewachsen, oder Sie sind irgendwann in die Umgebung der Zeche Carl gezogen? Sie haben Ihr Berufsleben hinter sich, eine Menge erlebt, also auch viel zu erzählen und wollten eigentlich immer schon schreiben, hatten aber keine Zeit? Weiterlesen →

30. Oktober 2017
von Carls Inge
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Wortneuschöpfung #3: Wehwut

Als ich über Melancholie schrieb, erwähnte ich das Wort Wehmut, das mir dabei in den Sinn kam. Und nahm mir vor, einmal intensiver darüber nachzudenken. Ein schönes Wort, fand ich und finde ich immer noch.
Aber warum bloß aus zwei so widersprüchlichen Begriffen zusammengesetzt? Die ich doch als Ganzes begreifen wollte?

Weh bedeutet Schmerz, Leid, Kummer.
Mut hat zu tun mit Wagnis, mit Tapferkeit, mit sich etwas zutrauen, das nicht selbstverständlich ist.
Wie passt das zusammen, fragte ich mich. Und vor allem: Wie passt das zu dem Gefühl, das ich habe, wenn ich wehmütig bin?

Ich horchte in mich hinein. Fühlte. Weiterlesen →

27. Oktober 2017
von Carls Schreiberin
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Verblüffende Sätze #2: Ich lerne noch

Neulich. In der Lottoannahmestelle in meiner Nähe. An dem Schalter, der als Postamt fungiert. Wenn man das Schalter nennen kann. Theke trifft es vielleicht eher. Tut aber auch nichts zur Sache.

Jedenfalls: An dieser Theke steht Frau M. und will wissen, was sie für mich tun kann.

Ich weiß, dass sie Frau M. heißt, weil auf der Theke ein Schildchen aufgestellt ist. Mit Hand beschrieben. Darauf steht der Name von Frau M. Und darunter: Ich lerne noch.

Frau M. arbeitet also noch nicht lange hier. Und natürlich verstehe ich, was sie mit dem Satz auf ihrem handgeschriebenen Namensschildchen sagen will. Dass man ein bisschen Geduld mit ihr haben soll. Ihr ihre Fehler nachsehen. Das Schild sagt zwischen den Zeilen: Ich weiß, ich bin noch nicht perfekt, nehmt es mir nicht übel.

Was für ein schöner Satz.

Ich lerne noch.

Ich gucke das Schild an und will zu Frau M. sagen: Nicht schlimm. Ich lerne auch noch. Dauernd. Jeden Tag. Ungelogen.

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