Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

Ein offenes Wort #7: Offenheit

| Keine Kommentare

Zum Glück war mein Nachbar so gut, mein Paket anzunehmen. Als ich es abholen wollte, sagte er: „Ihr Paket ist offen. Aber ich war das nicht.“ Ich schaute mir das Paket an. Der Inhalt schien vollständig und unbeschädigt zu sein.
„Alles klar“, sagte ich und bedankte mich. Mein Nachbar wollte noch etwas loswerden: „Der Bote hat das auch aufgeschrieben. Hier!“ Er drückte mir einen Zettel in die Hand. Auf dem stand: „Paket ist offen. Nicht der Nachbar.“ Beide Informationen stellten für mich keine Neuigkeiten dar, aber die zweite machte etwas mit mir. Sie brachte mich zum Nachdenken. „Nicht der Nachbar“ suggerierte mir, mein Nachbar wäre nicht offen. Er war also zu beziehungsweise geschlossen. Trotzdem stellte ich mir vor, wie er wohl offen aussähe. Mit offenem Mund oder mit einer Klappe am Bauch, geöffnet mit Hilfe eines Griffs.

Unsere Körper öffnen wir meist hinter verschlossenen Türen. Im OP zum Beispiel. Oder im Schlafzimmer. Natürlich auf dem Klo. Und in Deutschland verschließen wir sie sowieso gern. Diese Türen. Gerade in NRW. „Einbruchsland Nummer 1“ lautet die viel zitierte Headlline dazu.

Abgesehen vom Körperlichen gibt es, was die Offenheit betrifft, aber noch wichtigere Ebenen: die emotionale zum Beispiel. Oder die soziale.
Auch hier verschließen wir gern unsere Türen. Wir klappen einen Karton aus Pappe um uns herum und zurren ihn fest. Mit Paketband. Wir wollen professionell sein, möchten nicht, dass Arbeitskollegen Privates über uns erfahren. Bloß keine Blöße. Paradox ist das: Wir tun uns schwer damit, unserem Gegenüber zu sagen, was uns bewegt – gleichzeitig werden wir immer gläserner, geben Google und Co. bereitwillig all unsere Daten. Veräußern auf Facebook, Twitter und Instagram unser Inneres. Aber wehe, es klingelt an der Tür. Da stellen wir uns tot. Wir leben Geschlossenheit ganz offenbar als Prinzip. Warum sollte man sonst einen „Tag der offenen Tür“ an die große Glocke hängen? Er ist eine Ausnahmesituation. Etwas Besonderes. An Schulen ist es selbstverständlich, dass Klassentüren geschlossen sind. Eine offene Tür könnte ja die Autorität des Lehrers in Frage stellen. Ordnung und Disziplin vor Offenheit.
Offenbar sind wir doch lieber unter uns. Jeder in seinem eigenen Paket aus Karton. Ungefähr so, wie es Malvina Reynolds 1962 besang: Little boxes made of ticky tacky, little boxes all the same.
Im Falle meines Nachbarn bin ich froh, wenn die Tür zu ist. Ich finde, aus seiner Wohnung stinkt es nach Hund. (Für unser nachbarschaftliches Verhältnis wäre es wohl besser, er würde diesen Text nicht lesen – im Sinne einer besseren Luftqualität im Treppenhaus wäre es besser, er täte es.)

Ich wünsche mir mehr Offenheit. Und ich frage mich: Was haben wir zu verbergen? Warum sind wir eigentlich so schrecklich zu? Ich will nicht zu sein und ich will auch keinen Zettel über mich lesen, auf dem steht, ich sei nicht offen. Gleichzeitig fehlt mir die Chuzpe ganz offen zu meinen Nachbarn zu gehen und zu sagen: Wissen sie was? Ihre Hunde stinken.
Dabei sind es doch die schönsten Momente im Leben, wenn Menschen sich öffnen: Wenn die jungen Wortklauber sich trauen, Texte zu formulieren, die ihr Innenleben widerspiegeln. Wenn dir bei der Schreibambulanz jemand gegenübersitzt, der dir sein Herz ausschüttet, sich dir anvertraut und du einen Brief an seine Liebsten schreiben darfst.
Denke ich weiter über Offenheit nach, denke ich daran, wie ich mit dem Zug über die Deutsch-Österreichische Grenze fahre. Offene Grenzen? Pah! Schengen ist hier längst Geschichte. Nachts demonstriert die Bundepolizei in aller Offenheit, wie herzlich unsere Willkommenskultur ist. Die Polizisten marschieren durch den Gang und schlagen mit der flachen Hand gegen die Türen der Liegewagen: „Bundespolizei! Aufmachen!“ Kein „Entschuldigen Sie, dass wir Sie mitten in der Nacht aufwecken.“ Wer sich schlafend stellt, wird wachgerüttelt. Recht vor Gnade. Und ich denke so bei mir: Die haben doch den Arsch offen.
Könnte ja ganz anders sein. Könnte ja sein, dass jeder herzlich begrüßt wird. Mit offenen Armen. Herzlich willkommen! Schön, dass du da bist!

Ich muss an meinen Tansaniabesuch im letzten Jahr denken. Daran, wie offen und herzlich wir dort als augenscheinlich Fremde überall empfangen wurden. „Karibu!“, hieß es immer, egal wo wir waren. Karibu ist Swahili und heißt „Willkommen!“ Und es wird selbstverständlich so gemeint, wie es gesagt wird. Mit einem Lächeln.

Das alles fällt mir ein, weil mein Paket offen war. Nicht mein Nachbar. Was mir noch einfällt: CARL wird vierzig. Zu seinen Ehren findet am kommenden Sonntag die Altenessen Oper statt. Hier werden wir auch mit der Schreibambulanz vertreten sein. Motto: Geburtstagspost für CARL. „CARL ist …“ wird auf einer der vorgedruckten Karten stehen. Ich werde sie vervollständigen mit dem Wort „offen“. CARL ist offen. Seine vielfältigen Angebote, seine Haltung gegenüber neuen Ideen und Besuchern. Sein offenes Ohr, das er für uns Schreiber(innen) hat. Wir können frei unsere Gedanken ausdrücken, ohne das CARL uns reinquatscht. Offene Türen rennen wir bei ihm ein. Danke also, für deine Offenheit, CARL!
Vielleicht habt ihr ja auch Lust, CARL ein paar Lobhudeleien unterzujubeln. Würde mich freuen. Und CARL sowieso.
Karibu!

Euer und CARLS Co-Schreiber

Tobias Steinfeld

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.