Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

Worte. Auf (Ess)papier

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Ich begreife das nicht, sage ich.
Sitze vor dem Fernseher oder Computer.
Sehe Nachrichten aus aller Welt. Nachrichten, die nicht zu begreifen sind.
Ich versuche, das Unfassbare zu erfassen und taste ins Nichts.

Wenn Sie auch zu den Menschen gehören, die sich durch den Fernsehbildschirm von den Dingen berühren lassen, hörte ich neulich einen Fernsehmoderator sagen. Stellte mir vor, wie Hände aus dem Bildschirm wachsen und nach mir greifen. Immer geht es ums Anfassen. Begreifen. Und ergriffen sein. Erfassen. Und berühren. Und berührt werden.

Das berührt mich, sagen wir. Tangiert mich. Tangiert mich nur peripher. Tangiert mich nicht. Geht mir am Arsch vorbei. Trifft mich also nicht. Betrifft mich nicht. Macht mich nicht betroffen.
Was berührt uns in einer Zeit, in der wir die meisten Briefe nicht mehr anfassen können. Weil sie nicht auf Papier geschrieben sind. Sondern uns als E-Mails, Shortmassages, Posts erreichen. Schlimmer noch: Sprachnachrichten.
Was berührt uns, wenn wir an schriftlichen Liebeserklärungen nicht mehr riechen, gemeine Nachrichten nicht mehr zerreißen, traurige Nachrichten nicht mehr in Tränen ertränken können, bis die Tinte zerläuft?
Soll man gemeine E-Mails ausdrucken, um sie dann zu zerreißen?
Warum nicht, denke ich.
Warum nicht.
Denke an die Denkzettel, von denen CARLs Inge jüngst schrieb. Post-its. In allen Farben. Alles, woran ich denken muss, schreibe ich auf. Schreibe ich auf Gelb, Grün, Pink. Nicht nur, damit ich daran denke. Auch, damit ich die Zettel dann tilgen kann. Rausreißen, zerknüllen, wegwerfen, erledigt!
Ja, genau, ich bin eine von denen, die einen Papierkalender benutzt, obwohl ich doch ein Smartphone habe, das ich mit meinem Laptop für unterwegs und meinem Laptop für Zuhause synchronisieren könnte.
Aber nur, wenn das Lesebändchen in der Mitte klemmt, weiß ich, dass das Jahr zur Hälfte um ist. Nur wenn das Lesebändchen in der Mitte klemmt, begreife ich, dass das Jahr zur Hälfte um ist. Nur wenn ich den Kalender ins Regal stelle zu den anderen, begreife ich, dass das Jahr um ist.
Ich schaue ins Regal und sehe, wie die Jahre vergehen. Ich schaue ins Regal und begreife, dass die Jahre vergehen.

Wie soll uns noch etwas beeindrucken in einer Zeit, in der alles dauernd fotografiert wird und die Fotos dann auf Festplatten verschwinden?
Kneif mich mal, damit ich weiß, dass das echt ist.
Kneif mich, weil ich in diesem Urlaub bin, an diesem Meer stehe, das so unwirklich schön ist, auf diesem Berg stehe, in diesem Wald, vor diesem Haus. Kneif mich. Und vielleicht begreife ich dann. Vielleicht begreife ich.
Kneif mich mal. Sagen Menschen in Filmen und Büchern, wenn sie glauben, sie träumen.

Wie kann es sein, dass ein Film, ein Buch, ein Lied uns berührt und ergreift, obwohl sie keine Hände haben. Wie kann es sein, dass sie Eindruck hinterlassen, obwohl sie doch nichts eindrücken.

Wie sollen wir begreifen, dass ein Mensch stirbt, wenn wir nicht an seinem Bett sitzen und fühlen können, wie er von Tag zu Tag kleiner wird.
Wie sollen wir begreifen, dass ein Mensch gestorben ist, wenn wir nicht wenigstens einen Sarg in die Erde verschwinden sehen oder eine Urne in der Hand halten? Wie können Frauen, Eltern, Kinder, deren Männer, Söhne, Väter in Kriegen fallen und nicht nach Hause gebracht werden, begreifen?

Begreif doch endlich, will ich sagen. Begreif doch.
Wie willst du verstehen, was es heißt, über das Meer, durch die Wüste, durch die Welt zu flüchten, wenn du das nicht an- und erfassen, nicht begreifen kannst?
Vielleicht, indem du zuhörst. Und dich berühren lässt. Vielleicht lässt du dir die Geschichten mit Tinte auf Papier schreiben. Damit du wenigstens drauf heulen kannst.

Lasst uns das Wort ergreifen. Nach Worten greifen. Alles in Worte fassen.
Damit das Unfassbare ein bisschen fassbarer wird.
Lasst uns die Dinge auf Papier schreiben.
Papier, das wir zerknüllen, zerreißen und wegwerfen können.
An dem wir riechen und das wir bewahren, behüten und in einem Rahmen über unser Bett hängen können.
Und die schönsten Worte lasst uns auf Esspapier bannen, damit wir sie zu uns nehmen, sie uns einverleiben und in uns tragen können. Worte, die auf der Zunge zergehen.

Eure CARLs Schreiberin
Sarah Meyer-Dietrich

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