Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

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Denkzettel?

Mehrdeutige Worte #1: Denkzettel

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Gestern bekam ich eine kurze Mail mit dem Text: Hab mir dazu jetzt einen Denkzettel in den Kalender geklebt.
Denkzettel. Ja sicher, die Klebezettel oder Post-its sind im wahrsten Sinne des Wortes Denk-Zettel.
Sie sollen uns an etwas erinnern, das wir zu erledigen haben, woran wir dringend denken, vielleicht auch, worüber wir nochmal intensiver nachdenken wollen.
Das Großfamilientreffen organisieren.
Seifenblasen nachkaufen.
Allerdings kannte ich den Begriff Denkzettel bisher nur mit anderer Bedeutung: Jemandem einen Denkzettel verpassen. Das kann unterschiedlichste Formen annehmen, ist aber immer eine Art Bestrafung oder Drohung, manchmal auch beides.
Ich hab deine dreckigen Stiefel versteckt, damit du endlich lernst, sie auszuziehen, bevor du die Wohnung betrittst.
Wenn du noch einmal vergisst, die Zahnpasta-Tube zuzuschrauben, dann kannst du was erleben …

Lieber schnell zurück zu den schönen bunten Post-its. Man kann sie auch mit Grüßen versehen oder auf ihnen Nachrichten hinterlassen.
See you later, alligator … 😉
Hast du den Sichelmond gesehen? Schlaf gut und träum schön. 1001 Küsse
Jedenfalls: Solange nichts Böses notiert ist, sind diese Post-its keine Denkzettel-Verpasser. Sie wollen uns nur neutral bis freundlich etwas sagen oder an etwas erinnern.
Zugegeben, sie können manchmal ein bisschen aufdringlich sein …

Seit wann gibt es eigentlich Post-its?
Ich googele.
Verblüffend, was ich da alles finde. Schon bald stoße ich bei meiner Recherche auf das Jahr 1968 und gehe in Gedanken 50 Jahre zurück.
Sofort denke ich an den Vietnam-Krieg und an die weltweiten, erbitterten Proteste dagegen.
Ich denke an die „Studentenrevolten“ bei uns in Deutschland, aber auch in Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, Italien … Und ich erinnere mich an die vielen, vielen Stunden, die ich bei Demos auf der Straße verbracht habe, denke an Sit-ins und Go-ins, an heftige Auseinandersetzungen mit der Polizei.
Ich denke an das Attentat auf den Soziologen und politischen Aktivisten Rudi Dutschke, an seine ungeheuren Anstrengungen während des langwierigen Genesungsprozesses. Denn wegen der Hirnverletzungen musste Dutschke Wort um Wort seiner verlorenen Sprache erinnern. Ich habe gelesen, wie er sich quälte und es zäh und beharrlich schaffte, seinen Wort-Schatz nach und nach aus dem Vergessen hervorzuholen. Ausgerechnet er, der so wortmächtig gewesen war. Und ich erinnere auch, dass er nie mehr ganz gesund wurde und Jahre später an den Folgen des Attentats starb.

Ich denke an die kurze hoffnungsvolle Zeit des Prager Frühlings, der nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes und insbesondere durch den Einsatz sowjetischer Panzer jäh und brutal endete.

Ich denke an den Beginn des Contergan-Prozesses. Denke daran, wie unfassbar lange die Pharma-Firma Grünenthal sich geweigert hat, dieses gefährliche Medikament vom Markt zu nehmen. Selbst als Ärzte längst Alarm schlugen in der begründeten Überzeugung, dass Contergan Missbildungen an Embryonen und Nervenschäden bei alten Menschen verursachte. Wieder einmal siegte die Profitgier über die Sorge um das Wohl von Menschen. Ich habe an der Uni Tübingen einen Vortrag über dieses Thema gehalten, als ich mit unserem ersten Kind schwanger war.

Ich denke auch an die erstarkte Bürgerbewegung in den USA. Denke an Martin Luther Kings „I have a dream“ und an die tödlichen Schüsse auf diesen mutigen Mann und Hoffnungsträger der schwarzen Amerikaner.
Und schon denke ich beinah gleichzeitig mit Wut im Bauch an den mächtigen, skrupellosen, bornierten Präsidenten, der vom Weißen Haus aus gerade versucht kaputtzumachen, was es an positiven Entwicklungen in den USA gegeben hat …

An all das oben Genannte und noch viel mehr muss ich denken, wenn ich die Zahl 1968 vor mir sehe. Nur nicht an Denkzettel.

Doch ausgerechnet in diesem ereignisreichen, viel beschworenen, heftig umstrittenen Jahr entwickelte der Chemiker Spencer Silver von der Minnesota Mining and Facturing Company einen neuen Superklebstoff, der sich zum Beispiel auf eine Pinnwand auftragen und leicht entfernen ließ. Spencer Silvers Erfindung wurde kein Verkaufs-Erfolg und die Produktion dieses „Schwarzen Brettes“ bald wieder eingestellt.
Erst Jahre später, 1974, erinnerte sich Art Fry an die Erfindung seines Kollegen Spencer. Fry war Sänger im Kirchenchor und frustriert, weil ihm beim stehend Singen ständig die Lesezeichen aus den Notenheften fielen. Er strich den Klebstoff auf kleine Zettel, die zuverlässig hafteten, und beim Entfernen blieben die Notenblätter unbeschädigt. Voilà. Das war der Beginn der Post-its, die ab 1980 serienmäßig hergestellt wurden.
Wiederum bei Wikipedia lese ich, dass 2005 bereits 4,5 Millionen Blöcke zu je 100 Blatt dieser Klebezettel allein in Deutschland verkauft wurden.
Und dass die US-Zeitschrift Fortune den Klebezettel zu einer der wichtigsten Erfindungen des 20. Jahrhunderts erklärte – zusammen mit dem Kühlschrank, der Boing 707 und der Compact Disc ;-).

Post-its verwende auch ich gerne. Und ich möchte uns allen, ganz besonders aber den Politikern, kleine bunte Denkzettel an die Spiegel kleben, vor denen wir uns die Zähne putzen. Denkt an die Zukunft unserer Kinder. Stoppt Profitgier und die Zerstörung unseres Planeten. Try to Make the World a Better Place.

So viel für heute.
Es grüßt euch von einem kleinen grünen Klebezettel
eure und CARLs Inge

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