Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

Von geschenkten Sätzen: Ist das Leben nicht schrecklich schön?

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Im Anfang war das Wort.
Eigentlich eher der Buchstabe.
In Schreibschrift. Und dann in Druckschrift.
Und direkt danach kamen die Kinderbücher, die ich in großen Mengen zu lesen begann. Sodass meine Kinderwelt bevölkert war von Kleinst- und etwas größeren Lebewesen (alle meine Tierchen, wie Carls Co-Schreiberin jüngst schrieb).
Lebewesen, die mir Sätze schenkten.

Im Anfang der Buchstabe, das Wort, der Satz, das Buch.
Und Pu, der Bär.
Aber vor allem Pus Freund Ferkel.
Fühlte ich mich einmal besonders untapfer, war es Ferkel, das mir leise zuflüsterte: „Es ist schwer, tapfer zu sein, wenn man nur ein sehr kleines Tier ist.“ Ein Satz, der mir geblieben ist. Ein Satz, der mir noch heute in den Kopf kommt, wenn ich mich besonders klein fühle. Ein Satz, den Carls Co-Schreiberin und Carls Inge und ich uns gegenseitig zuflüstern, wenn wir ihn vor lauter Kummer doch einmal vergessen haben: „Es ist schwer, tapfer zu sein …“

Kam es besonders schlimm, konnte ich mich mit Alexander Käfer, dem kleinsten von Kaninchens Verwandten und Bekannten, kopfüber in einer Spalte im Boden verkriechen. Dort darauf warten, dass die Gefahr vorüber ging. Vielleicht hatten wir Glück und trafen dort in der Erdspalte einen Maulwurf, der genüsslich murmelte: „Wie behaglich, wie geruhsam.“
Kein Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hatte.
Ein Maulwurf namens Grabowski.
Ein Maulwurf, der doch ganz bestimmt polnische Wurzeln gehabt haben muss. Ein Maulwurf, dessen Vorfahren vielleicht wie meine aus Polen ins Ruhrgebiet eingewandert waren. Er hat mir kein Wort polnisch beigebracht. Aber er hat mir einen Satz geschenkt, der blieb.

„Wie behaglich wie geruhsam“, sagte auch ich und ließ mich auf das rote Plüschsofa vom kleinen Bären und vom kleinen Tiger fallen.
Um mit ihnen von Panama zu träumen.
Einem Panama ohne Papers, aber mit Bananen.
Von oben bis unten duftend.
„Oh Bär“, sagte dann der Tiger, „ist das Leben nicht schrecklich schön?“
Und im Chor antworteten der Bär und ich: „Oh ja, schrecklich und schön.“
Auch diesen Satz habe ich mitgenommen.
Habe vom Maulwurf Grabowski, vom kleinen Bären, vom Tiger gelernt, das Leben zu genießen. Mich in ein rotes Plüschsofa und ein wenig Behaglichkeit zu verlieben.

Manchmal luden der Bär und der Tiger Frosch und Kröte zu sich ein. Manchmal saßen wir zusammen bis tief in die Nacht.
„Wir sind hier ganz allein“, sagte Frosch dann immer irgendwann.
„Aber zusammen“, sagte Kröte.
Und so war ich nie, nie, nie allein. Mit allen diesen Lebewesen um mich herum.
Mit diesem Getier durchlebte ich Frühling, Sommer, Herbst und Winter.
In einer Zeit, in der ich den Winter noch nicht fürchtete.

„Ich kann nicht mehr“, lernte ich dann von den Pferden, die bekümmert im Gänsemarsch durch den Schnee liefen. „Es ist alles so Winter auf dieser Erde.“
Aber das war später.
Da war ich schon größer.
Es ist ein trauriger Satz, den ich von diesen Pferden gelernt habe. Aber er tröstet mich fast so wie das Geflüster von Ferkel.

Und wenn es zu dunkel wird, dann habe ich immer noch Frederick. Den Mäusedichter, der den Sommer über, während die anderen Mäuse Vorräte für den Winter sammeln, Sonnenstrahlen und Farben und Worte sammelt. Sie aufhebt. Und rettet. Und aufspart für die dunklen Tage. „Jetzt schicke ich euch die Sonnenstrahlen“, sagt Frederick. „Fühlt ihr schon, wie warm sie sind?“
Und ich fühle es, ja, mach es mir gemütlich, habe es behaglich und geruhsam in meinem Nest aus Sätzen, die sie mir hinterlassen haben. Die Kleinstlebewesen.

Im Anfang war der Buchstabe.
Das Wort.
Das Buch.
Geblieben sind – für immer – die Sätze.

Eure CARLs Schreiberin
Sarah Meyer-Dietrich

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