Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin
Lupe

Auf der Suche nach Vorbildern

| Keine Kommentare

Es war einmal ein kleines Mädchen. Ihr Name war Ella, und sie war neun Jahre alt. Eines Tages bedrückte Ella etwas. Sie horchte ganz tief in sich hinein, konnte jedoch nicht feststellen, woran es lag. Bauchschmerzen hatte sie nicht. Fieber auch nicht. Genauso wenig eine Erkältung.

Aber was war es, das unserer kleinen Ella solche Sorgen bereitete, wenn es weder Bauchschmerzen, noch Fieber oder eine Erkältung waren?

Auch Ella konnte es sich nicht erklären. Fest stand nur, dass sie sich komisch fühlte, so als fehle ihr etwas …

Ach, was ist denn heute nur mit mir los??? Gestern ging es mir doch noch perfekt: In der Schule haben wir einen Ausflug in den Zoo gemacht, am Nachmittag habe ich mich mit Lisa getroffen und abends hat Mama ihre leckere Lasagne gemacht.
Eigentlich müsste alles gut sein. Aber irgendwie ist es das nicht …

Da kam Bello, der Hund von Ella, angetrabt und kuschelte sich auf ihren Schoß.

Oh, hallo Bello. Du weißt nicht zufällig, was mit mir los ist? Ach nee, wieso solltest du auch? Du bist ein Hund, und verstehst mich wahrscheinlich nicht einmal …
Manchmal wäre ich auch gerne ein Hund. Du kannst den ganzen Tag spielen und essen und dich kraulen lassen. Und gleichzeitig bereitest du jedem um dich herum Freude und schenkst ihnen Liebe und Geborgenheit.
Ach, manchmal wäre ich gerne so wie Bello.

Traurig stand Ella auf und machte sich auf den Weg in die Schule.
Draußen begegnete sie ihrem Nachbarn Herrn Petersen.

Oh, da ist Herr Petersen. Wie es ihm wohl geht, ich habe mich schon länger nicht mit ihm unterhalten? Aber wie soll es ihm schon gehen? Er ist immer gut gelaunt und optimistisch. Er hat den ganzen Tag ein Lächeln auf den Lippen und läuft pfeifend durch die Gegend.
Ach, manchmal wäre ich gerne so wie Herr Petersen.

Ohne ein Wort zu Herrn Petersen zu sagen, ging Ella weiter Richtung Schule. Dort angekommen sah sie, dass ihre Freundin Lisa bereits auf sie wartete.

Oh, da ist Lisa ja schon. Sie ist echt eine gute Freundin! Jeden Tag wartet sie auf mich an der Schule und nimmt mich ganz fest in den Arm. Sie hört mir immer zu und ist immer da, wenn ich sie brauche. Sie ist so zuverlässig, und wir können zu jeder Zeit zusammen lachen.
Ach, manchmal wäre ich gerne so wie Lisa.

Als Ella bei Lisa ankam, nahm diese Ella ganz fest in den Arm.
Gemeinsam gingen die beiden Mädchen in ihren Klassenraum. In der ersten Stunde hatten sie Deutsch bei Frau Rosenthal.

Oh, Frau Rosenthal ist pünktlich wie die Maurer. Genau wie immer. Frau Rosenthal hat so tolle lange Haare und ist immer schön gekleidet. Wie lange sie wohl morgens braucht bis sie fertig ist? Ihr Morgen ist bestimmt total gut durchgeplant. Sie kriegt alles so leicht unter einen Hut. Sie schafft es sogar, Niklas dazu zu bringen, leise zu sein, obwohl das außer ihr niemand schafft. Und dabei wirkt sie immer so entspannt, als hätte sie nie irgendwas anderes gemacht.
Ach, manchmal wäre ich gerne so wie Frau Rosenthal.

Als die Schule zu Ende war, machte Ella sich auf den Heimweg. Sie war immer noch bedrückt und fühlte sich so, als fehle ihr etwas, und es machte sie verrückt, dass sie nicht herausfinden konnte, was.
Zuhause wartete bereits Ellas Mutter auf sie.

Oh, Mama ist ja schon zu Hause. Und sie sieht so glücklich und entspannt aus. Dabei war sie bereits einkaufen, auf der Arbeit und zweimal mit Bello draußen. Und jetzt steht sie wieder in der Küche und kocht uns Essen. Das ist echt bewundernswert.
Ach, manchmal wäre ich gerne so wie Mama.

Ella setzte sich an den Tisch und starrte vor sich hin. Es war anders als sonst. Sonst erzählte sie ihrer Mutter erstmal ganz detailliert davon, wie ihr Tag war. An diesem Tag nicht. Denn Ella fühlte sich nicht danach. Doch ihrer Mutter entging das natürlich nicht.

„Ella-Maus, was ist denn los? Ist alles okay? Du bist so ruhig heute … hast du Bauchschmerzen oder Fieber oder eine Erkältung?“

„Weder noch, Mami … Ich habe weder Bauchschmerzen noch Fieber, noch eine Erkältung. Ich weiß selber nicht, was mit mir los ist. Irgendetwas bedrückt mich und ich fühle mich so, als ob mir etwas fehlen würde. Aber mir fällt einfach nicht ein, was es sein könnte. Stattdessen werde ich von Stunde zu Stunde, von Minute zu Minute, von Sekunde zu Sekunde immer nachdenklicher und trauriger, während alle anderen um mich herum ein so tolles, glückliches und perfektes Leben führen.

Bello hat ein entspanntes Leben und schenkt uns seine Liebe, Herr Petersen ist immer gut gelaunt und optimistisch, Lisa ist so zuverlässig und eine tolle Freundin, Frau Rosenthal ist charmant und hat alles im Griff und du bist einfach wunderbar. Du schaffst alles ohne jegliche Anstrengung und kümmerst dich so liebevoll um uns alle.
Ach Mama, wieso kann ich nicht so sein wie ihr alle?“

Ellas Mutter legte den Kochlöffel beiseite, zog ihre Schürze aus und setzte sich zu Ella an den Tisch.

„Ella, hör auf, dir Gedanken über die anderen zu machen. Denn das ist das, was dich bedrückt: Der Gedanke an alle anderen und ihre angeblich so perfekten Leben.

Ich verspreche dir: Auch Bello würde gerne mal was anderes machen außer dauernd zu kuscheln, zu essen und zu schlafen. Herr Petersen hat auch mal schlechte Tage, an denen er nicht so glücklich ist. Lisa kann auch nicht jeden Tag eine tolle Freundin sein. Frau Rosenthal hat auch mal Situationen, in denen sie glaubt, nichts im Griff zu haben. Und auch ich habe oft das Gefühl nichts mehr schaffen zu können und möchte mich einfach etwas ausruhen.

Denn niemand ist perfekt und jeder hat auch seine Macken und Kanten. Denn jeder ist mal mit sich unzufrieden und wünscht sich gerne, wie jemand anderes zu sein.
Genau wie du heute. Aber ich sage dir, dass es am besten ist, sich selbst treu zu sein und sich mit all seinen Macken und Kanten und perfekten Zügen zu akzeptieren.“

Und mit diesen Worten stand sie auf, kniete sich vor Ella und nahm sie ganz fest in den Arm. Und mit dieser festen Umarmung verdrängte sie Ellas Sorgen.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Jedoch ohne nach Vorbildern zu suchen …

 

Johanna Schwermer

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.