Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

Wortneuschöpfung #4: Ausbeuteltier

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Das Ausbeuteltier blickt auf die Uhrzeitanzeige seines Laptops. Es ist 10 Uhr. Das Ausbeuteltier reckt und streckt sich. Wie lange es wohl schon hier sitzt?

„Drei Stunden“, sagt das Ausbeuteltier. „Netto. Also nach Abzug von Kaffeemachen, Duschen, Wäschefalten und Neuewäscheaufhängen.“

„Oh“, sage ich. „Wie erfreulich. Da hast du ja nur noch fünf Stunden vor dir und kannst um 15 Uhr Feierabend machen.“

Ich sage das bloß, um das Ausbeuteltier zu ärgern. Weil ich genau weiß, dass es von 15 bis 17 Uhr einen Workshop leitet. Und im Anschluss noch zwei bis drei Stunden Auftragstextertier sein wird. Genauso wie ich weiß, dass es Augenwischerei ist, wenn das Ausbeuteltier Kaffeemachen, Duschen, Wäschefalten und Neuewäscheaufhängen in voller Höhe von der Arbeitszeit abzieht, weil es beim Kaffeemachen, Duschen, Wäschefalten und Neuewäscheaufhängen keineswegs nicht arbeitet, sondern seine Gedanken schon wieder um dies und das kreisen, Ideen entwickeln, Probleme lösen.

„Pfff“, sagt das Ausbeuteltier verächtlich und tippt schon wieder los.

Woher es nur immer diese ganze Energie nimmt, frage ich mich.

„War doch eben erst Wochenende“, sagt das Ausbeuteltier.

Ich verkneife mir die Bemerkung, dass das mit dem Wochenende ja wohl gar nichts zu bedeuten hat, weil ich mich noch sehr gut an das Wochenende vor einer Woche erinnere, als das Ausbeuteltier Freitag und Samstag auf Sitzungen verbrachte und Sonntag die Premierenfeier des Buchs „Dreistromland“ in der Zeche Carl organisierte, ein Buch, an dem 103 Kinder und Jugendliche in 6 Projekten mitgeschrieben haben. Derweil ich diese Zeilen getippt habe, hat das Ausbeuteltier bereits fünf Texte aus Schreibwerkstätten korrigiert, seine Homepage aktualisiert und einen Kostenplan für ein Projekt im Herbst geschrieben.

„Zeig mal“, sage ich. „Was hast du als Kosten angesetzt?“

Mit einem Klick schließt das Ausbeuteltier das Excel-Dokument. „Geht dich gar nichts an“, knurrt es.

„Holst du wenigstens einen anständigen Stundensatz raus?“, frage ich. Ich weiß ja, dass das Ausbeuteltier nicht von ungefähr so heißt.

„Was bitteschön wäre denn ein unanständiger Stundensatz?“, fragt das Ausbeuteltier interessiert. „Einer mit ständig wechselnden Geschlechtspartnern?“

„Du weißt schon, was ich meine“, sage ich. „Hast du einen Stundensatz angesetzt, den auch das gemeine Beuteltier ansetzen würde?“

„Du meinst Kängurus, Opossums und Nacktnasenwombats?“, fragt das Ausbeuteltier. „Alles Kapitalisten.“

„Aha“, sage ich. „Und die beuteln dich aus?“

„Schmarrn“, sagt das Ausbeuteltier. „Ich arbeite selbstbestimmt.“

„Aha“, sage ich wieder. „Selbstausbeutelung also.“

„Nenn es, wie du willst“, sagt das Ausbeuteltier unwirsch. „Ich nenne das normale Arbeitsbedingungen.“

„Im Bereich Kunst, Kultur und Soziales“, sage ich.

„Talk to the hand“, sagt das Ausbeuteltier und hält mir seine linke Pfote hin, derweil es mit der rechten weiter die Tastatur bearbeitet.

Es ist vermutlich nicht der richtige Augenblick, das Ausbeuteltier daran zu erinnern, dass es sich doch genauso gut in der Unternehmensberatung eine goldene Nase hätte verdienen können. Immerhin hat es in seinem letzten Leben einen Doktortitel in Wirtschaft gemacht.

„Im vorletzten Leben“, sagt das Ausbeuteltier.

„Ich dachte, du hörst nicht zu“, sage ich. „Aber im Ernst. Wäre es nicht schön, eine angemessene Bezahlung für deine wirklich gute Arbeit zu bekommen? Denk doch nur mal an den Stundensatz, den du in diesem Schulprojekt bekommst. Wenn du da auch noch Vor- und Nachbereitungszeit, Textlektorat und Anreisezeit abrechnest und die Zeit, die du außerhalb des Unterrichts damit verbringst, mit den Schülern über Whatsapp Texte zu besprechen …“

„Du“, sagt das Ausbeuteltier. „Für so eine korinthenkackerische Rechnung habe ich jetzt echt keine Zeit!“

Natürlich nicht, denke ich. Weil es wehtun würde, das bisschen übrigbleibenden Stundensatz zu betrachten.

„Außerdem“, sagt das Ausbeuteltier, „sind bei deinen Berechnungen die ganzen positiven Effekte, die meine Arbeit für uns hat, nicht mitgerechnet. Die Freude und Begeisterung. Die tollen Rückmeldungen von Menschen, die an meinen Workshops teilnehmen, meine Texte lesen, zu meinen Lesungen gehen. Das kann man mit Geld doch gar nicht aufwiegen. Wie viele solcher Rückmeldungen bekommen wohl Unternehmensberater im Schnitt pro Woche … Hä?“

Ich schweige verbissen.

„Na also“, sagt das Ausbeuteltier.

Trotzdem denke ich, nur weil diese Arbeit Freude macht, muss sie doch nicht schlechter bezahlt werden.

„Und für diese müßigen Selbstgespräche, die doch zu nichts führen, haben wir im Übrigen auch keine Zeit“, sagt das Ausbeuteltier.

„Schon gut, schon gut“, sage ich. Es hat ja recht. Ich weiß ja. „Und irgendwann“, sage ich, „schreiben wir einen Bestseller und werden doch noch stinkreich.“

„Ja ja“, sagt das Ausbeuteltier spöttisch. „Klar. Eines Tages.“

 

Eure CARLs Schreiberin

Sarah Meyer-Dietrich

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