Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

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Tobias Steinfeld: "Scheiße bauen, sehr gut"

Heikle Worte #1: behindert.
Tobias Steinfelds Buch „Scheiße bauen: sehr gut“

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Carls Co-Schreiber Tobias Steinfeld hat ein Buch geschrieben und im Thienemann Verlag veröffentlicht. „Scheiße bauen: sehr gut“ handelt von Paul, der als „Schnupperpraktikant“ an einer Förderschule arbeiten soll, dort aber für den Förderschüler Per gehalten wird. Anstatt das Missverständnis aufzuklären, taucht Paul als teilnehmender Beobachter in die Welt der Förderschule ein.

Ich habe das Buch sehr gerne gelesen. Weil die Protagonisten sympathisch sind. Und weil die Geschichte spannend ist, ja teilweise sogar richtig dramatisch. Aber lustig ist sie auch. Wenn Paul alias Per mal wieder nichts checkt. Obwohl er doch eigentlich gar nicht behindert ist. Wenn der Sportlehrer wie ein Irrer – äh, Bekloppter, äh … Also, wenn der Sportlehrer bei seinem selbsterfundenen Spiel mal wieder zeigen muss, wie toll und sportlich er ist. Oder wenn der echte Förderschüler Fatih den falschen Per fragt: „Bist du behindert?“

Ich finde, dass Tobias Steinfelds Buch nicht nur gut zu lesen ist, sondern dass es auch ein wichtiges Buch ist.

Wichtig, weil trotz aller (sicher noch zu halbherziger) Inklusionsbestrebungen viele Menschen gehemmt sind, wenn es um den Umgang mit sogenannten Behinderten geht. Allein die Begrifflichkeit ist schon problematisch, gilt als politisch unkorrekt. In Tobias Steinfelds Buch lernen wir gemeinsam mit Paul/Per die Schüler der Förderschule kennen als Ibrahim, Alicia-Sophie, Benjamin. Sie begegnen uns als Jugendliche, die sich freuen, ärgern, die Quatsch machen, Vorlieben und Abneigungen haben. So wie alle anderen Jugendlichen auch.

In Kapitel 55 sagt Paul:
„Menschen mit Behinderung“ klingt total bescheuert, so als ob man dazu sagen müsste, dass das Menschen sind.

Stimmt, denke ich. Es klingt wirklich bescheuert. Aber vielleicht müssen manche Menschen ohne Behinderung sich tatsächlich erst klarmachen, dass es sich hier um Menschen handelt. Um Individuen. Wenn ich in einer Förderschulklasse eine Schreibwerkstatt habe, dann interessiert es mich nicht, welche Behinderung die Teilnehmer haben. Mich interessiert nur, welche Geschichten sie erzählen. Ob sie dabei mehr oder weniger Unterstützung brauchen, merke ich im Umgang mit ihnen. Und das ist übrigens kein Unterschied zu Schreibwerkstätten mit Gesamtschülern, Hauptschülern, Realschülern, Gymnasiasten …

Tobias Steinfeld hat früher als Inklusionshelfer an einer Förderschule gejobbt. Und heute schreibt er nicht nur selbst, sondern leitet ebenfalls Schreibwerkstätten. Er interessiert sich für die Menschen, für die Individuen, für ihre Geschichten. Das merkt man seinem Protagonisten Paul an, der sehr genau hinhört und hinsieht, das merkt man seinem Buch an. Und Tobias Steinfeld weiß offensichtlich auch, dass wir alle manchmal ein bisschen behindert sind. Aber, wie hieß es so schön in einem Slogan der Aktion Mensch? „Behindert ist man nicht, behindert wird man.“ Lasst uns aufhören, uns gegenseitig zu behindern, uns in Schubladen zu packen, Etiketten aufzukleben. Lasst uns lieber zuhören, wenn jemand seine Geschichte erzählt.

Eure Carls Co-Schreiberin Anja Kiel

Ach ja, und damit niemand gehindert wird, ein gutes Buch zu lesen, hier die Infos zum Roman:

Tobias Steinfeld, „Scheiße bauen: sehr gut“, Thienemann Verlag, 12,00 Euro

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