Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

Wortentdeckung #10: selten

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Am Wochenende unterhielt ich mich mit einem Freund über das Sängerduo Klaus & Klaus und ihren berüchtigten Hit „An der Nordseeküste“. Im Fokus stand dabei diese eine Liedzeile, die in den 80ern und 90ern auf keinem deutschen Schützenfest fehlen durfte:

„An der Nordseeküste, am plattdeutschen Strand, sind die Fische im Wasser und selten an Land.“

Wenn ich mir diesen Satz so anschaue, fällt mir daran nicht viel Ungewöhnliches auf. Die Bezeichnung „am plattdeutschen Strand“ ist noch das Highlight. Ich glaube, das ist auch der Grund, warum die Menschen das Lied so liebten. Weil die Fische im Wasser sind und selten an Land. Hier geht alles seinen geregelten Lauf. Oder wie es in einer Strophe heißt: „Nach Flut kommt die Ebbe, nach Ebbe die Flut.“ Heißt übersetzt: Bei uns, am plattdeutschen Strand, da gibt es keine Probleme, keine bösen Überraschungen. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Typisch Heimatlied.

Mein Kumpel aber, der wusste schon in jungen Jahren, dass diese Zeile in Wahrheit eine ganz andere Bedeutung hat. Der hielt das Wort „selten“ nämlich für ein Verb. Er dachte: Die Fische sind im Wasser und selten an Land. Das gefiel mir sofort. Und es erschien mir logisch. Wenn zelten ein Verb ist, dann müsste selten doch auch eines sein.
Treffen sich also zwei Fische an Land. Fragt der eine: Was machst du denn da? Sagt der andere: Ich selte.
Aber was soll das sein, dieses Selten?
Mein erster Gedanke: So was wie „zappeln / wackeln / kurz aufhüpfen“.
Die Fische wurden – warum auch immer – an Land gespült und liegen jetzt auf dem Trockenen, röcheln, katapultieren sich verzweifelt immer wieder selbst in die Höhe. Zappelnde Fische eben. Zappelnde Fische sind seltende Fische.
Man stelle sich vor: Ein Ehepaar im Restaurant. Der Mann zum Ober: Wir hätten gerne zwei seltene Fische. Und wenn der Ober dann mit zwei seltenden Fischen wiederkehrt, dann macht das Ehepaar große Augen. Der Mann schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch, so stark, dass nicht nur die Fische auf den Tellern, sondern auch die Teller auf dem Tisch selten. Und sogar der Tisch seltet. Ihr Wunsch, seltene Fischarten zu verspeisen, bleibt unerfüllt. Nun sitzen sie mitten in einer Selterei.
Ich mache es kurz. Der erste Vorschlag ist Quatsch. Zappeln bzw. kurzes aufhüpfen ungleich selten. Das kann man sich ganz logisch erschließen. Die Fische sind ja IM WASSER und selten an Land, also können sie schlecht an der Luft herumzappeln.
Selten ist somit eine Tätigkeit, die gleichzeitig an Land und im Wasser stattfindet. Ich vermute, selten dürfte aufgrund dieser schwierigen Umstände tatsächlich eine äußerst seltene Tätigkeit sein.

Zweiter Vorschlag: So wie sich zelten vom Zelt ableitet, leitet sich selten vom Selt ab. Aber was ist ein Selt? Vermutlich etwas, in dem man seltet. Und es muss mit Wasser gefüllt sein. Und es befindet sich an Land. Vielleicht eine Art Eimer. Von einem Angler. Der hat die Fische geangelt und bewahrt sie jetzt in seinem mit Wasser gefüllten Selt auf. Aber warum sollte dieser Eimer Selt heißen? Leitet sich wahrscheinlich vom englischen „Salt“ ab. Weil der Eimer ja mit Salzwasser aus dem Meer gefüllt wird, da die Fische sonst stürben. Mh.
Oder hat das etwas mit dem Mineralwasser zu tun? Selters. Am Nobelstrand von Sylt schwimmen die mondänen Fische lieber in den Seltersflaschen der Gäste, als in der trüben Meeresbrühe. Aber auf Sylt gibt es gar kein Selters, glaube ich, sondern nur San Pellegrino. Ich muss zugeben, meine zweite Vermutung ist genau so Quatsch wie die erste.
Zum Glück lüftete mein Kumpel das Geheimnis. Selten bedeutet: Die Fische schwimmen durch das seichte Wasser, das sich unmittelbar am Ufer befindet. Und mit „an Land“ ist gar nicht „auf dem Land“ gemeint, sondern „zum Land“ bzw. „aufs Land“.
„An der Nordseeküsste, am plattdeutschen Strand, sind die Fische im Wasser und selten an Land!“ Alles klar?
Jetzt, wo ich Bescheid weiß, stelle ich fest, ich habe den Song falsch eingeordnet. Für ein Friedefreudeeierkuchenheimatlied taugt es gar nicht. Man stelle sich vor, die ganzen Fische würden alle an Land selten. Da würde doch ein Riesentohuwabohu ausbrechen. Was für ein Chaos! Die Menschen hätten Angst, durch die seltenden Fische von ihrem plattdeutschen Strand verdrängt zu werden. Sie würden über den Bau einer Mauer nachdenken, und die seltenden Fische wären längst für die Jäger zum Abschuss freigegeben. Klaus & Klaus‘ Lied ist somit immer noch ein Heimatlied, aber doch eher ein aufwiegelndes, angstschürendes.
Mir fällt noch ein Titel ein, der in diese Reihe passt. Nämlich: „Da steht ein Pferd auf dem Flur“. Auch hier wird der Mensch durch ein Tier aus seinem natürlichen Lebensraum vertrieben. Und auch hier kommt die Vorliebe der beiden Sänger für seltene Situationen zum Vorschein. Sieht man schließlich nicht so oft (selten) so ein Pferd auf dem Flur.
Ich bin jedenfalls froh, dass mein Kumpel, schon immer ein aufgeweckter Kerl war und die wahre Bedeutung des Wortes „selten“ erkannt hat.
Eine Frage habe ich aber noch. Wieso heißt es eigentlich „auf dem Flur“ und nicht „im Flur“. Vielleicht sollte ich CARL fragen. Auf CARL ist man ja auch immer (dr)auf. Und vielleicht singt er mir die Antwort sogar vor. Am besten mit einem anderen Carl zusammen. Als Carl & Carl. Es wäre mir ein seltenes Vergnügen.

Auf bald! Euer und CARLS Co-Schreiber

Tobias Steinfeld

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