Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

Wichtige Worte #10: Zeit

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Carls Schreiberin hat Ende November 2017 in diesem Blog über eine Zeitreise durchs Ruhrgebiet geschrieben. Anlässlich der Finissage von „Wege zur Metropole Ruhr – Heimat im Wandel“, einer Ausstellung im Kubus auf dem Gelände von Situation Kunst in Bochum-Weitmar.
Diese Ausstellung hat den Zeitenwandel in unserer Region auf vielen beeindruckenden Fotos sichtbar gemacht.

Zeit. Aus einer ganzen Reihe zusammengesetzter Worte springt uns der Begriff entgegen.
Ob Zeitalter oder Zeitspanne, Zeitraum oder Zeitenwechsel, Arbeitszeit, Teilzeit und Vollzeit, Endzeit oder Traumzeit, Freizeit oder Zeitbombe, Zeitfenster oder Herbstzeitlose, diese Aufzählung lässt sich leicht fortsetzen …

Und so leben wir alle nicht nur in der – nämlich unserer – Zeit, wir werden auch ständig und auf unterschiedlichste Weise mit dem Begriff konfrontiert, ob wir ihn bewusst wahrnehmen und darüber nachdenken wollen oder nicht. Häufig wehren wir uns gegen das Nachdenken, denn das Wort Zeit verweist nicht nur auf Dauer, sondern auch auf Endlichkeit.
Ich war in den ersten Monaten dieses Jahres schon mehrfach auf Beerdigungen von Menschen, die ich mochte und die nicht erst im Greisenalter gestorben sind. Und ich dachte bestürzt und traurig, dass ihr Leben vor-zeitig zu Ende war, dass ich ihnen mehr Zeit gewünscht hätte.
Wobei Zeit an sich noch kein Qualitätsmerkmal beinhaltet. Es muss sich schon um eine gute, gut gestaltete, sinnvoll gelebte Zeit handeln. Und was das heißt oder heißen kann, darüber hat jeder seine eigenen Vorstellungen.
Während ich diese Sätze schreibe, verrinnt schon wieder ein Stück Zeit.

Am letzten Wochenende im März wurden die Uhren auf Sommerzeit umgestellt, und es hieß, uns sei eine Stunde gestohlen worden. Ende Oktober wird uns mit der Winterzeit angeblich wieder eine Stunde geschenkt.

Zeit ist etwas, das gleichmäßig fließt, getaktet in Sekunden, Minuten, Tage, Wochen, Monate, Jahre … Die vergehen unaufhörlich gleichmäßig. Oder etwa nicht?
Uhren zeigen uns die Zeit an mit Sekundenzeiger, Minutenzeiger und Stundenzeiger. Und was haben wir nicht alles an Arten von Uhren. Armbanduhren und Wanduhren, Bahnhofsuhren, Pendeluhren, Funkuhren, Quarzuhren, Digitaluhren und Analoguhren …, ja auch Atomuhren gibt es.
In Autos und viele Haushaltsgeräte sind Uhren eingebaut.
Da müssten wir bestens Bescheid wissen über die Zeit und ihre Dauer.
Und doch sagt uns unser persönliches Zeitgefühl oft etwas, das stark abweicht von dem, was die Uhren behaupten.
Jeder kennt das: Du wartest auf einen wichtigen Anruf, eine Nachricht, eine Antwort, eine Diagnose … und die Zeit kriecht.
Sie kriecht auch, wenn dein Zug oder dein Bus Verspätung haben.
Zeit dehnt sich quälend in schlaflosen Nächten.
Und dann wiederum, wenn du etwas besonders Schönes erlebst, kann die Zeit in rasantem Tempo verfliegen. Auch wenn du sie noch so gern festhalten möchtest, sie fliegt dir viel zu schnell davon. Dir bleibt nur die Erinnerung.

Viele Redensarten ranken sich um die Zeit.
Wie die Zeit vergeht
Alles zu seiner Zeit
Ich hab keine Zeit zu verlieren
Zeit heilt alle Wunden …
Ich lasse die paar Beispiele einfach so stehen, auch wenn ich vor allem an die letzte Aussage nicht glaube.

Große Philosophen von Platon über Aristoteles bis zu Leibniz und Kant haben sich Gedanken gemacht über das Phänomen Zeit.
Und längst beschäftigen sich auch Wissenschaftler verschiedenster anderer Disziplinen damit.

Immer wieder haben Künstler die Zeit zu ihrem Thema gemacht. Ich will mich auf drei Kunstwerke beschränken, die mich seit Langem beeindrucken.
Marcel Proust mit seinen sieben Bänden Auf der Suche nach der verlorenen Zeit verlangt auch dem Leser viel Zeit ab. (Nein, ich habe nicht alle Bände gelesen.) Und ich bezweifle, dass dem Lesen eines solchen Mammutwerks mit Methoden zum schneller Lesen, in letzter Zeit oft angepriesen, genussvoll beizukommen ist.

Michael Ende hat uns den Roman Momo geschenkt mit dem Untertitel: Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte. Ein Roman, der vermutlich mehr noch uns Erwachsene als Kinder nachdenklich macht über den eigenen Umgang mit der Zeit.

Das bekannteste Gemälde von Salvador Dali heißt Die Beständigkeit der Erinnerung, auch Die zerrinnende Zeit oder Die weichen Uhren.
Da verweist der Maler mit drei zerfließenden Taschenuhren in freier Landschaft eindringlich auf die Launenhaftigkeit von Zeit, auf Zerfall und Vergänglichkeit.

Kleine Kinder haben noch keinen Zeitbegriff. Sie leben im Hier und Jetzt, haben noch alle Zeit der Welt, um sie, die Welt, zu entdecken.
Als unsere Jüngste auf langen Autofahrten immer wieder fragte: „Wann sind wir da?“, erfand unsere Älteste ein eigenes Zeitsystem. Sie unterteilte die Fahrzeit in die zehn Finger ihrer Hände und versuchte der kleinen Schwester damit klarzumachen, wie lange wir noch unterwegs sein würden.

Ich selbst habe als Kind tickende Wecker gehasst und in den Kleiderschrank gesperrt, aber Spieluhren und Sonnenuhren haben mich schon damals fasziniert und das gilt bis heute.

In der späteren Kindheit und in der Jugend scheinen uns Zeitspannen wie etwa ein Jahr von sehr langer Dauer zu sein. Mit zunehmendem Alter haben wir das Gefühl, dass es von einem Jahr zum nächsten immer schneller und noch schneller geht.
Dagegen können Uhren und Kalender nichts ausrichten.

Ich weiß, ich habe das Thema nur grob angerissen. Es gäbe so viel mehr zu sagen über den Begriff und das Phänomen Zeit und unseren Umgang damit. Doch dann würde mein Beitrag euch und mich zu viel Zeit kosten.
Bleibt mir, euch eine für euch gute Zeit zu wünschen.

Herzlich und bis demnächst!
Eure und CARLs Inge

P.S. Es gibt in Österreich einen Verein zur Verzögerung der Zeit mit Zweigstellen in Deutschland und der Schweiz.

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