Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

Verblüffende Sätze #4: Alle doof außer ich!

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Carlsschreiberin hat sich mit dem „Ich-selbst-Sein“ und den Hindernissen, die das mit sich bringt, beschäftigt. Ich selbst habe viel genickt beim Lesen ihres Beitrags und an einer Stelle ganz besonders. Ich bin nämlich auch froh, dass ich mein Inneres während meiner jugendlichen Findungsphase in den 90ern nicht über Facebook und Co nach außen kehren konnte. Potenzial für Peinlichkeiten war vorhanden. Und die Wahrscheinlichkeit, dass ich gerne mal quietschbunte Bilder mit frechen Sprüchen drauf gepostet hätte, ist hoch. Die folgende Geschichte ist zumindest ein Indiz dafür. Vor allem aber beschäftigt sie sich mit mir selbst – besser gesagt sogar mit „ich selbst“.

Ich (selbst) war ungefähr dreizehn. Ein Schulfreund von mir hatte zur Geburtstagsparty eingeladen und wir sind mit ein paar Kumpels zu Elektro Brinkmann, um ein Geschenk zu kaufen. An diesem Tag entdeckten wir dort ein neues Regal. Das Regal mit den Sprüche-T-Shirts. Eines dieser T-Shirts erschien uns besonders prächtig, und wenn es einer tragen konnte, dann das Geburtstagskind. Schließlich war er erst vor kurzem in die Bäckerei unseres Vertrauens marschiert, bekleidet mit einer schwarzen Lederweste, auf der hinten, mit weißem Edding geschrieben, „Fuck you!“ nebst ausgestrecktem Mittelfinger, stand. Das auserkorene T-Shirt ließ sich sicherlich hervorragend mit dieser Weste der Rebellion kombinieren. Es war weiß, viel zu groß und auf gelber Sprechblase stand in pinker Schrift: „Alle doof außer ich!“
Ich war derjenige, der dieses Schmuckstück bis zur Party verwahren durfte und ich identifizierte mich vollends damit – schließlich hatte ich es ausgesucht und das, was draufstand, galt damit auch für mich. Zack, rieb ich es meinem Vater unter die Nase. Er sah es an, dann sah er mich an, dann kriegte er einen Lachanfall. Hörte er mal kurz auf, fing er sofort wieder an. Er lachte Tränen.
Ich hatte damit gerechnet, dass er das T-Shirt doof findet, weil er ja auch doof war, wenn er es nicht anhatte. Eigentlich wollte ich ihn provozieren und dann das. Er fand das T-Shirt noch besser als ich. Wahnsinn. Als er wieder halbwegs sprechen konnte, sagte er: „Das ist falsch! Ich krieg Zahnschmerzen am großen Zeh!“ So was sagte er sonst nur, wenn er mit meiner Schwester Latein lernte.
„Mir“, sagte er. „Mir. Es muss heißen: Alle doof, außer mir!“
Ich hätte es wissen müssen. Dass er mit irgendeiner Erwachsenensache versuchen würde, mir das T-Shirt madig zu machen. Und eigentlich hatte ich es gewusst. Hatte das T-Shirt also doch seine Funktion erfüllt. Schließlich war er dagegen.
Jetzt sagte er: „Wer das T-Shirt anhat, ist der Doofe!“
Wie konnte er nur? Ich entriss ihm das Spruch-Shirt und verzog mich auf mein Zimmer. „Außer mir“, dachte ich völlig außer mir und ich könnte mir vorstellen, dass ich vor lauter Wut geheult habe.

Heute bin ich riesig froh, meine Gemütslage damals in meinem Zimmer, privat, auskuriert zu haben, womöglich hätte ich in diesem Zustand sonst öffentliche Hasskommentare verfasst.
Mittlerweile weiß ich, was ihn so zum Lachen brachte: Nach „außer“ muss „mir“ stehen. Dativ. Alle doof. Außer wem? Außer mir! Es gibt Fälle, da tappt man ganz schnell in die Falle (mit dem großen Zeh voran).
Das T-Shirt war tatsächlich „noch“ witziger als angenommen. Komisch, waren mir die Brinkmannverkäufer bis dahin nie durch ihren „subtilen“ Witz aufgefallen. Aber vielleicht lag das auch an ich, pardon, an mir.

Den Spruch vom T-Shirt habe ich übrigens gerade gegoogelt und ich bin überrascht worden: Ein Alle-doof-außer-ich-T-Shirt habe ich nicht gefunden. Anstelle dessen beherscht jetzt ein anderer Spruch den Markt: „Alle doof außer mich!“ Akkusativ also. Die nächste Stufe ist erreicht. Der Fall der Fälle geht weiter. Nach „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“, muss es jetzt heißen: Der Akkusativ ist den Nominativ seinem Tod. Behaupte zumindest ich selbst. Dass diese Variante falsch ist, hätte ich mit 13 auch gecheckt. Und auf keinen Fall (!) hätte ich es meinem Kumpel zum Geburtstag schenken wollen. Mich bin doch nicht doof.

Auf bald!

Euer und CARLS Co-Schreiber

Tobias Steinfeld

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