Carls Schreiberin

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Verblüffende Sätze #3: Sei einfach du selbst

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Sei einfach du selbst. So ein Satz, der mir immer mal wieder über den Weg läuft. Immerhin ist Authentizität eine zeitgenössische Tugend. Sogar der Werbung verzeiht man zur Not, dass sie Werbung ist, wenn sie nur authentisch zu sein scheint.
Sei einfach du selbst. Klar. Kein Ding. Pipileicht. Nichts einfacher als das, sage ich.
Und dann fällt mir ein, wie viele Tage, Wochen, Monate, Jahre ich gebraucht habe, um annähernd herauszufinden, wer das eigentlich sein soll. Diese ICH SELBST. In unzähligen Tagebucheinträgen sezierte ich diese ICH SELBST.

Das Problem fängt damit an, dass es unmöglich ist, das eigene Innere mit Abstand zu betrachten. Nein, ich meine natürlich nicht die inneren Organe. Sondern den Charakter, das Wesen, die Seele oder was auch immer dafür verantwortlich ist, dass ich ich bin. Wir können das Innere nicht mit Abstand in einem Spiegel betrachten, weil wir nun mal keine Poppels sind. Poppels? Na, Sie wissen schon, diese Stofftiere, deren Inneres man nach außen wenden kann. Ja, stimmt, aus den 80er-Jahren, als es auch Wendepullis und -jacken gab.

Ich bin froh, dass ich meine sezierenden Selbstbetrachtungen als Kind der 80er in einer Jugend der 90er zelebrieren konnte, als es noch kein Facebook, Twitter, Instagram gab. Sonst hätte ich meine ICH-Suche sehr wahrscheinlich in aller Öffentlichkeit durchgeführt. Auch auf Facebook, Twitter, Instagram kann man nicht unmittelbar den Charakter, das Wesen, die Seele darstellen. Aber man kann das eigene Leben wie einen Poppel umkrempeln. Das Innere nach Außen. Guck, mein Urlaub, mein Zuhause, mein Essen, mein Drink. Guck, das bin ich. Das ist meine Meinung. Das mag ich. So bin ich. So absolut wahnsinnig authentisch, dass es fast schon weh tut.
Ja, man muss es zeigen. Muss es dauernd weiterentwickeln, dieses ICH SELBST. Gucken, ob es noch genug Likes kriegt.

Und dann gibt es immer auch Menschen, die meinen, dass sie uns besser kennen als wir selbst. Menschen, die sagen: Das bist doch gar nicht du. Du bist irgendwie nicht du selbst gerade. Ach wirklich? Schmarrn! Wer soll ich denn sein, wenn ich gerade nicht ich bin?!

Die gute Nachricht: Das Ich-selbst-Sein wird im Laufe des Lebens tatsächlich einfacher. Vielleicht, weil es weniger wichtig wird, was andere denken. Dass es okay ist, nicht perfekt zu sein. Dass sich immer ein paar Menschen finden, die uns trotzdem lieben.
Aber: Auch später stoßen wir an unsere Grenzen. Habe ich neulich erst wieder festgestellt. Bei den einfachsten Identitätsübungen fängt das an.

Letztes Jahr wollten sie im Bürgerbüro für meinen neuen Ausweis ein biometrisches Foto und eine Unterschrift. Das ist einfach. Dachte ich. Das kann jeder. Ein Foto, auf dem man einfach neutral guckt. Und die Unterschrift, die ich nun schon seit Jahren trainiere. Ich schob also mein biometrisches Passfoto über den Tresen.

„Oh“, sagte die Mitarbeiterin. „Das könnte ein Problem geben.“
„Wieso?“, fragte ich.
„Sie gucken zu freundlich“, sagte sie. „Sie müssen neutral gucken.“
„Das ist mein neutraler Gesichtsausdruck!“, sagte ich.
Die Mitarbeiterin drückte ein Auge zu. Kann man neutraler als neutral gucken, fragte ich MICH SELBST, die gerade neben mir saß, weil ich ob der Frage etwas AUSSER MIR war, während ich meine Unterschrift auf ein Blatt Papier setzte.

„Hm“, sagte die Mitarbeiterin und blickte auf die Unterschrift, an deren Unleserlichkeit ich Jahre gearbeitet habe. „Wo ist der Bindestrich von Meyer-Dietrich?“
Ich versuchte meine Unterschrift zu entziffern. „Da ist kein Bindestrich“, sagte ich.
„Das könnte ein Problem werden“, sagte die Mitarbeiterin.
„Aber ich unterschreibe immer so“, sagte ich. „Das IST meine Unterschrift.“
„Hm“, sagte die Mitarbeiterin. „Dann muss ich das hier vermerken.“
Was genau sie da wohl vermerkt hat?
Vielleicht: Frau Meyer-Dietrich kann ihre eigene Unterschrift nicht richtig.

Vorsichtshalber habe ich in der Zwischenzeit geheiratet und mir einen neuen Nachnamen ohne Bindestrich zugelegt. Das ist verwirrend, weil ich als Autorin Sarah Meyer-Dietrich bleibe. Es gibt jetzt mehrere ICH SELBSTs. Jedes Mal, wenn ich ans Telefon gehe oder eine Mail schreibe, muss ich überlegen, wer ich gerade bin.
Natürlich braucht das neue ICH neue Ausweise.
„Hm“, sagt die Mitarbeiterin, der ich meine neue Unterschrift über die Theke schiebe. „Ist das Ihre Unterschrift?“
„Ja“, sage ich. „Das ist meine Unterschrift.“ Ich habe extra geübt.
„Dieses a hier“, sagt die Mitarbeiterin. „Das sieht aus wie ein e.“
Was sie wohl in ihren Vermerk schreibt?
Vielleicht: Ist auch für Unterschrift ohne Bindestrich zu doof.

Eure CARLs Schreiberin
Sarah Meyer-Dietrich – oder wer bin ich noch mal gerade?

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