Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

Plötzlich und unerwartet.

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Plötzlich und unerwartet habe ich oft in Todesanzeigen gelesen.
Plötzlich und unerwartet – das schien mir nicht mehr als eine Phrase zu sein. Eine Phrase aus einem Bausatz. So baue ich eine Todesanzeige. Und tatsächlich gibt es solche Mustersätze online zu finden. Auf den Homepages von Bestattern.

Plötzlich und unerwartet. Das war plötzlich und unerwartet keine Phrase mehr, als ich am Samstag einen Anruf bekam. Den Anruf, durch den ich erfuhr, dass Bernd Alles gestorben ist.
Ich muss an dieser Stelle innehalten, weil es wehtut, diesen Satz zu schreiben. Ihn Schwarz auf Weiß vor mir zu sehen. Dass Bernd Alles gestorben ist.
Das muss doch ein Irrtum sein. Dass ein Mensch, der derart lebendig gewesen ist, jetzt plötzlich tot sein soll. Das geht doch nicht.
Dabei habe ich gewusst, dass er krank war. Wir haben immer wieder darüber gesprochen. Nur zuletzt nicht mehr. Als sich, wie ich im Nachhinein weiß, sein Zustand erheblich verschlechtert hatte.
Dabei haben wir uns noch eine gute Woche vor seinem Tod geschrieben. Über das Heiraten. Und über das Manuskript, an dem ich gerade arbeite, und das ich ihm schicken wollte. Die letzten Sätze, die wir ausgetauscht haben, drehten sich nicht um das Sterben. Sondern um das Leben.

Ich habe mit und für Bernd gearbeitet. Von unserer ersten Begegnung 2013, einer Richtungsding-Lesung in der Zeche Carl, sind mir seine Schuhe in Erinnerung geblieben. Wenn ich mich richtig erinnere, waren es silberne Schuhe.
Von meiner zweiten Begegnung mit Bernd erinnere ich, dass er mein Projekt gerettet hat. Ich war mit ihm verabredet, um über ein ganz anderes Projekt zu sprechen. Erzählte dann aber von meiner akuten Not. Ich betreute ein Schreibprojekt mit Jugendlichen. Am Nachmittag sollte der nächste Workshop stattfinden. Am Morgen hatte ich erfahren, dass wir die eingeplanten Räumlichkeiten nicht würden nutzen können. Bernd zögerte nicht. Öffnete uns Tür und Tor. Das Projekt fand in der Zeche Carl ein neues Zuhause.
Das hat mein Arbeiten mit und für Bernd von da an geprägt. Dass er nie gesagt hat: Da müssen wir noch mal gucken. Oder: Ja, aber. Bei Bernd gab es keine Einschränkungen. Es gab Begeisterung und offene Türen.
Als ich mich entschloss, meinen festen Job an den Nagel zu hängen und in die Freiberuflichkeit zu wechseln, sagte ich Bernd: Wenn ihr mal eine Schreiberin braucht, sag Bescheid.
Bernd sagte: Wir wollten sowieso eine Schreiberin für die Zeche Carl.
Und so wurde ich Carls Schreiberin.
Ging durch eine der vielen Türen, die Bernd aufmachte.

Ich habe viel mit und für Bernd gearbeitet. Unsere Arbeitsbesprechungen bestanden meist aus 90 % Gesprächen über Gott und die Welt und 10 % sehr gezielten Absprachen, in denen wir uns immer sofort einig waren.
Deshalb ist es kein Arbeitskollege, sondern ein Freund, der gegangen ist.
Und es tut weh, dass ich mich nicht habe verabschieden können.

Als ich den Anruf am Samstag bekam, war ich sehr traurig. Ich habe geweint und Opernmusik gehört, weil Bernd die Oper liebte, und ich habe ein Glas Sekt auf ihn getrunken, weil ich überhaupt viel mehr Gläser Sekt auf Bernd hätte trinken sollen.
Ich war traurig und fassungslos. Weil wir Champagner zusammen trinken wollten, weil er meinen neuen Roman lesen wollte, weil ich ihn darin unterstützen wollte, selbst Bücher zu schreiben. Jetzt ist er weg und lässt lauter lose Fäden zurück.
Und ich war auch ein wenig böse. Böse auf Bernd, der mir nicht gesagt hat, wie schlecht es ihm ging zuletzt. Ich hätte ihn gerne noch mal besucht.
Ich hätte ihm gern gesagt, wie sehr ich ihn mochte. Wie sehr er mir fehlen wird. Wie dankbar ich ihm bin für all die Unterstützung. Mehr aber noch für die Freundschaft. Am allermeisten für die Freundschaft.

Plötzlich erschließt sich so auch das Wort Nachruf neu für mich. Nachruf. Das ist doch vielleicht das, was man dem Menschen, der gegangen ist, hinterher rufen will. All das, was man noch hätte sagen wollen und jetzt nicht mehr sagen kann.
Bernd mochte Worte. Ihm haben wir die Wortklauber zu verdanken und die Schreibambulanzen. Es hat Spaß gemacht, mit ihm über Worte und Sprache zu sprechen. Und über das Leben an sich.
Ein Nachruf also.
Geh nicht, will ich Bernd hinterherrufen. Geh nicht. Ich bin noch nicht fertig mit dir.
Dabei weiß ich doch, dass er selbst noch nicht fertig war. Jemand wie Bernd hätte doch nie fertig sein können mit dem Leben.
Deshalb verstehe ich jetzt, dass er mir nicht gesagt hat, wie schlecht es ihm zuletzt ging. Dass er es vorgezogen hat, mit mir bis zuletzt über das Leben zu sprechen. Nicht über das Sterben.
Ich verstehe jetzt, rufe ich ihm nach. Ich bin nicht mehr böse. Aber du wirst mir trotzdem fehlen, hörst du?
Und ich hoffe so sehr, dass er es hört. Stelle mir vor, wie er mit seinen schönen Schuhen über die Wolken da oben läuft. Auch wenn ich gar nicht an den Himmel glaube. Wenn einer es schaffen kann, die Tür dorthin zu öffnen, dann doch wohl Bernd.

Eure CARLs Schreiberin
Sarah Meyer-Dietrich

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