Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

Es ist noch nicht das Ende

| Keine Kommentare

Ich heiße Moutasm Alyounes, bin 20 Jahre alt und lebe seit über zwei Jahren in Deutschland.
Heute werde ich euch eine Geschichte erzählen, die ihr nicht jeden Tag hören werdet. Diese handelt von einem Jungen, der sein Heimatland mit 15 Jahren verlassen musste, da der Krieg in Syrien herrscht.

Dieser Junge konnte nicht mehr zur Schule gehen, weil seine Schule zerbombt wurde, wie auch viele andere.
Dieser Junge konnte seine Freunde nicht mehr sehen, weil sie im Krieg ums Leben gekommen sind wie viele andere unschuldige Menschen.
Dieser Junge konnte seine Familie nicht mehr sehen, weil er mit 16 Jahren weit weg von Zuhause arbeiten musste, um seine Familie zu unterstützen.

Dieser Junge ist nicht im Bomben- und Raketenhagel gestorben wie viele andere unschuldige Menschen.
Dieser Junge wurde nicht erschossen wie viele andere unschuldige Menschen.
Dieser Junge hat kein Körperteil durch Bombensplitter verloren wie viele andere unschuldige Menschen.
Dieser Junge ist nicht durch die Kälte gestorben, weil er keine Kleidung hatte, um sich zu wärmen, wie viele andere unschuldige Menschen, wie viele andere unschuldige Menschen.
Dieser Junge ist nicht auf dem Todesweg zwischen der Türkei und Griechenland ertrunken wie viele andere unschuldige Menschen, wie viele andere unschuldige Menschen.

Obwohl er das alles erleben und mit ansehen musste, lebt dieser Junge immer noch.
Dieser Junge bin ich.

Ich hatte nicht das Glück, meine Jugend in Frieden zu verbringen. Ich musste schnell erwachsen werden, als ich mein Heimatland verließ.
Ich habe schon oft dem Tod in die Augen gesehen und beinahe alles verloren. Ich habe viele Dinge erlebt, die ich nie wieder erleben will.

Ich lebe und atme immer noch, aber wenn ich mich an all das erinnere, fühle ich mich innerlich tot. Ich habe jede Nacht Alpträume.
Ich habe Heimweh. Heimweh nach meiner Heimat, die ich seit fünf Jahren nicht mehr gesehen habe, die seit acht Jahren in Trümmern liegt.
Heimweh nach meiner Familie, die ich seit vier Jahren nicht mehr in den Arm nehmen konnte.
Heimweh nach meinen Freunden, die nun hoffentlich im Paradies sind.

Das sage ich euch jetzt nicht, damit ihr Mitleid mit mir habt.
NEIN! Das ist nicht mein Anliegen.
Ich will euch damit zeigen, was Wichtiges bleibt, wenn man außer dem eigenen Leben alles verloren hat.
Ich werde niemals liegen bleiben. Ich werde niemals aufgeben, solange Menschen da sind, die mir wichtig sind und denen ich wichtig bin.
Ich werde immer wieder aufstehen.

Viele Menschen glauben nicht an sich. Sie fühlen sich klein und wertlos. Sie glauben, nicht gut genug zu sein und halten sich für keine guten Menschen.
Falls du auch so denken solltest, dann nimm dir bitte Folgendes zu Herzen.
Der Wert eines Menschen wird nicht daran gemessen, wo er herkommt oder welchen Beruf er hat.

Viel wichtiger ist es, wie viele Herzen du berühren kannst und wie vielen Menschen du ein Lächeln ins Gesicht zaubern kannst. Wie viele du traurig oder glücklich machst. Das ist die Seele von Integration. Und ohne Menschlichkeit findet keine Integration statt!
Denn im Leben kommt es nicht darauf an, welche Macken du hast, wie du aussiehst oder wie viel Geld du verdienst. Es geht vielmehr darum, dass dich jemand schätzt für das, was du bist. Dich so akzeptiert, wie du bist.

Wir sind alle Menschen, also löse dich von Gedanken, die dir Grenzen setzen.
Diese Grenzen existieren nur in deinem Kopf.
Keiner ist perfekt, keiner besser als andere.
Halte deinen Kopf stets oben, denn du hast jedes Recht dazu.
Deutsches Grundgesetz §1: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

„Wenn du nicht fliegen kannst, renne.
Wenn du nicht rennen kannst, laufe.
Wenn du nicht laufen kannst, krabble.“
Das hat Martin Luther King einmal gesagt.
Er sagte auch, dass du auf jeden Fall immer weitermachen musst.

Für mich gab es Leute, die mich immer unterstützt und motiviert haben und die mich weiterhin unterstützen und motivieren.
Ohne sie hätte ich nicht viel geschafft. Ohne sie hätte ich vielleicht nicht weitermachen, nicht weiterkämpfen können. Diese Leute werde ich nie vergessen
Sie waren für mich da und ich bin für sie immer da.
Allein können wir nichts schaffen. Wir gemeinsam sind stärker. Wir gemeinsam können viel schaffen und ändern. Wir gemeinsam können das Lebensglück vieler Menschen retten.
Wir teilen dieselbe Erde, atmen dieselbe Luft.
Wir teilen dieselben Meere und haben die gleiche Blutfarbe.

Ich danke allen, die mich auf meinem steinigen Weg unterstützt haben.
Ich danke euch allen, dass ich diese Gefühle haben darf, dass ich hier in Essen meine zweite Heimat gefunden habe. Ich habe ein Dach über dem Kopf. Dieses Glück haben nicht viele. Ihr macht diesen Ort so wertvoll für mich.

Moutasm Alyounes

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.