Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin
Was ist zumutbar?

Wichtige Worte #9: Mut

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Vor nicht allzu langer Zeit unterhielt ich mich mit der Briefträgerin über das Wetter.
Genauer gesagt über den Schnee, der in der Nacht gefallen war.
Noch genauer gesagt über das Schneeschippen.
Die Briefträgerin beschwerte sich über die Schneeschippfaulheit in unserem Stadtteil. „Wer den Gehweg nicht freischaufelt, bekommt auch keine Post mehr“, erklärte sie. „Das können die Leute uns nicht zumuten.“

Ich war sehr froh, dass aus unserer Familie bereits jemand den Gehweg vor dem Haus freigeschaufelt hatte. Nicht nur wegen der Post, die ich dadurch pünktlich bekommen hatte. Sondern vor allem, weil ich kein schlechtes Gewissen haben musste. Beschwingt ging ich meines Wegs und dachte über das Wort „zumuten“ nach. Erst im Herbst hatte Carls Inge über Wehmut geschrieben. Und dass die mit Mut eigentlich nicht so viel zu tun hat. „Zumuten“ klingt, als glaube man, jemand habe den Mut, das zu tun, was eigentlich nicht zumutbar ist. Im Neuschnee mit dem Fahrrad zu fahren und Briefe auszutragen beispielsweise.

Zu Hause schlug ich wieder mal mein Herkunftswörterbuch von Duden auf. „Zumutung“ kommt tatsächlich vom Wort „Mut“. Allerdings hatte es ursprünglich weniger die Bedeutung „Tapferkeit“ oder „Furchtlosigkeit“ (diese Bedeutung hat das Wort erst seit dem 16. Jahrhundert). Vielmehr bedeutete Mut „Wille“, „Gewohnheit“ oder auch „Brauch“. Wer zumutet, richtet „ein Ansinnen an jemanden“ oder verlangt Ungebührliches. Weil Carlsschreiberin für die Zeche Carl bloggt, fällt mir gleich noch eine weitere Mutung ein. Im Bergbau bezeichnete sie laut Wikipedia den Antrag auf „Bewilligung einer Genehmigung zum Bergbau“ beziehungsweise die Verleihung einer Genehmigung zum Abbau von Bodenschätzen. Puh, klingt umständlich. Dabei will ich meinen Lesern solche Konstruktionen doch nun wirklich nicht zumuten. Praktischerweise (?) schließt dieses Jahr die letzte Zeche im Ruhrgebiet. Mit der Mutung neuer Lagerstätten war es eh schon vorbei. Die Subventionen, die zum Abbau der vorhandenen Kohle nötig waren, laufen dieses Jahr aus. Nicht mehr zumutbar?

Schauen wir also frohgemut in die Zukunft. Und was entdecken wir da? Die Ausbreitung des Denglischen. Zum Beispiel im Satz: „Wenn dir das Thema nicht gefällt, mute doch einfach den Hashtag!“ Auf Social-Media-Plattformen wie Twitter ist das beispielsweise kein Problem. Hier heißt muten aber natürlich stummschalten. Und warum soll ich mir die schlimmen Berichte über #amoklaeufe, #metoo oder #rechtsextremismus denn auch zumuten? Ich kann doch eh nichts dagegen tun!

Doch. Ich behaupte, jeder kann etwas dagegen tun. Im Kleinen. Ich kann versuchen, meinen Kindern genug Selbstvertrauen mitzugeben, damit sie keine Amokläufer werden. Ich kann versuchen, allen Menschen mit Respekt zu begegnen. Ich kann den Gehweg freischaufeln. Nicht nur, weil es Pflicht ist. Nicht nur, weil es mein Gewissen erleichtert. Nein, weil es absolut zumutbar ist, ein bisschen an die anderen zu denken. Egal, bei welchem Wetter.

Das findet Carls Co-Schreiberin
Anja Kiel

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