Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

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Ein offenes Wort #4: Wie ich einmal ziemlich viele Worte und Wendungen verbieten wollte

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Neulich. Im Spiegel Online. Ein Bericht über eine Kneipe in New York, die ihren Gästen verbietet, das Wort literary zu benutzen. Weil es nicht nur inflationär, sondern immer öfter schlichtweg falsch gebraucht wird. Buchstäblich, wörtlich, im wahrsten Sinne des Wortes bedeutet es, wird aber gern gleichgesetzt mit nahezu oder quasi.
Ja, denke ich. Großartige Idee, so ein Wortverbot.

Rein zufällig ist es nämlich so, dass ich den Gebrauch ziemlich vieler Wörter und Redewendungen im deutschen Fernsehen zu verbieten plane. Weil sie permanent falsch gebraucht werden, und mir dieser Falschgebrauch körperliche Schmerzen zufügt.
Durchzusetzen, dass alle in Frage kommenden Fernsehsender diese Wörter und Wendungen verbieten, scheint mir ein vergleichweise kleines Problem zu sein – verglichen mit der Aufgabe, eine vollständige Liste aller verbotenen Wörter und Wendungen zusammenzustellen. Also fange ich lieber mit der Liste an. Die Sender überzeugen oder gleich in Besitz nehmen kann ich dann ja später immer noch.

Um mit der Liste anzufangen, empfiehlt sich die Sichtung der gängigen Reality-TV-Formate von Dschungelcamp über DSDS bis hin zu GNTM. Ich schaue solche Formate selbstredend nur aus kulturwissenschaftlichem Interesse. Ist jawohl klar, ne?


Definitiv auf die schwarze Liste muss der Gebrauch von Vergleichen. Vergleiche sind ja offenbar komplizierter zu formulieren wie andere Sachen. „Als!“, korrigiere ich mich umgehend laut selbst, obwohl ich den Satz doch extra falsch gebildet habe. Ironie habe ich noch nie gut verstanden.
Grundsätzlich verbieten werden müssen alle Konstruktionen mit „wegen“ – wegen dem falschen Gebrauch des Genitivs. Damit es nicht zu Verwirrungen kommt, streichen wir der Einfachheit halber alles, in dem wegen vorkommt. Streichen auch verwegen und bewegen und meinetwegen auch auf Umwegen.
Ich möchte alle Wörter verbieten, die auf ig enden, weil es zu einer Unart geworden ist, diese Silbe als ik auszusprechen, wo sie doch zumeist ich gesprochen werden. „Richtich“ ist nicht nur richtiger als „richtik“, sondern überhaupt die „einzich“ richtige Lösung, weil richtig nicht steigerbar ist. Für die sintflutartige Ausbreitung der IK-Ende mache ich Heidi Klum mitverantwortlich, weil, die sagt das immer.

Ich kann nicht mehr hören, wenn es wieder jemandem unter statt auf den Nägeln brennt, wenn jemand alles in einem Abwasch statt einem Aufwasch erledigen will. Auch das kommt auf die Liste.
Und während diese Liste von Worten und Ausdrücken, die ich prophylaktisch verbieten will, immer länger und länger wird, komme ich doch ins Grübeln.
Die falschen wegen-Konstruktionen haben es mittlerweile bis in die Synchronisation hochwertiger Serien und Spielfilme gebracht. Der Begriff Platzangst, der eigentlich die Angst vor offenen Plätzen, also Agoraphobie, bedeutet, wurde so häufig für Klaustrophobie (eigentlich: Raumangst!) gebraucht, dass beide Bedeutungen es mittlerweile in den Duden geschafft haben. Und schon jetzt werde ich von anderen korrigiert, wenn ich „in einem Aufwasch“ sage.
Irgendwann siegt die Masse.
Irgendwann versteht mich keiner mehr.

Die Zeit rennt mir davon.
Ich muss dringend meine Liste fertigstellen und die Fernsehsender kaufen.

Die Mehrzahlform italienischer Nomen, die auf o enden, müssen verboten werden, damit ich nie wieder jemanden Cappuccinos sagen hören muss. Die Einzahlform sollte vielleicht gleich mit abgeschafft werden, weil es ja auch immer noch Menschen gibt, die denken, es hieße ein Paparazzi, zwei Paparazzis. Vielleicht lieber alle italienischen Wörter gleich verbieten? Weil es auch wehtut, wenn Pino Gridschio und Gnodschis bestellt werden.
Ja. Im Ernst. Es tut weh.
An die Aussprache vieler französischer Wörter will ich gerade gar nicht denken …

Und während ich so meine Liste fortsetze, wird mir mulmig.
Wenn ich alle diese Wörter und Wendungen aus dem allgemeinen Sprachgebrauch streiche, was bleibt? Was bleibt übrig, wenn alle potentiellen Fehlerquellen meiner Zensur zum Opfer gefallen sind?
Schweigen.
Das kann auch schön sein. Aber auf Dauer dann vielleicht doch ein wenig fad? Auch ich möchte nicht in die Stummfilmära (Ähre/Ehre ergänze ich auf der Liste, weil es in der Vergangenheit so vielen Mädchen eine Ähre war, Heidi Klum treffen zu dürfen) zurück.

Ich mag Sprache.
Ich mag aber auch, wenn sie pfleglich behandelt wird.
Und dann wiederum: Wer gibt mir das Recht, als Sprachschützer aufzutreten? Vielleicht will die Sprache ja gar nicht geschützt sein? Vielleicht findet sie es lustig, falsch gebraucht zu werden. Vielleicht freut sie sich über jeden Bedeutungswandel von Wörtern und Wendungen, weil sie sich sonst verdammt langweilen würde?

Zähneknirschend lege ich meine Liste beiseite. Na gut, denke ich. Dann halt nicht. Dann belasse ich es eben doch dabei, vor dem Fernseher zu sitzen und ab und an laut „Aua“ zu sagen.

Eure CARLs Schreiberin

Sarah Meyer-Dietrich

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