Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

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Lautmalerische Worte #3: Die Dinge singen

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Im Anfang war das Wort. Und hier im Blog klauben wir Worte zusammen, um sie auseinanderzunehmen. Ihr Innerstes nach außen zu kehren. Sie zu sezieren und genau zu betrachten. Um uns dann mitunter zu wundern, dass wir sie nichtsdestoweniger am Ende doch nicht wirklich verstehen.

Manchmal, wenn ich Worte aufklaube, zerlege, seziere, denke ich an Rilke. Daran, was er zu unserem Blog sagen würde. Es wäre toll, wenn er den Blog mögen würde. Denn ich mag umgekehrt viele von seinen Gedichten. Dann wiederum denke ich aber, dass er diesen Blog vielleicht ein Unding finden würde. Weil er doch dieses Gedicht geschrieben hat, in dem es um Worte und Dinge geht. Und das hier ist die erste Strophe:
„Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.“
Wenn ich das lese, schäme ich mich ein bisschen. Sowieso schon mal, weil ich Rilke doch keine Angst einjagen möchte. Aber auch, weil ich mich tagtäglich bemühe, alles – außer den Orangen für frischen O-Saft – mit Worten auszudrücken. Alles zu benennen. So genau wie möglich.

Tut mir leid, Rilke, will ich sagen.
Ich hab das nicht gemacht, um dir Angst einzujagen.
Das würde sich sogar reimen. Allerdings nur aus Versehen.


Ich kann das aber nicht zu Rilke sagen, weil er erstens schon lange tot ist, und es ja zweitens dann noch mehr Worte wären. Mich für zu viele und zu klare Worte mit noch mehr Worten zu entschuldigen, scheint mir widersinnig zu sein.

„Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.“
So heißt es bei Rilke etwas später im Gedicht. Und wenn ich das höre, denke ich: Aber die Worte singen doch auch. Das Wort Ding zum Beispiel. Es klingt hell und klar wie eine kleine Glocke.
Ding, Ding, Ding.
Einen Moment, sage ich. Ich mach sofort auf.
Und was dann da vor der Tür steht, ist aber wirklich ein Ding!
Was für ein schöner Ausdruck, denke ich: Das ist ja ein Ding! Und, denke ich, wenn es kein Ding wäre, dann wäre es eben ein Unding. Noch so ein schöner Begriff. Auch wenn ich lieber nicht in Situationen kommen möchte, in denen ich den Begriff benutze, weil mit Unding immer etwas Unerfreuliches mitschwingt. Etwas zum Aufregen. Etwas, was ich unbedingt vermeiden möchte.

Und auch aus unbedingt klingt das Ding. Auch in unbedingt klingelt ein helles Glöckchen. Bedingen wiederum kommt ursprünglich aus der Rechtssprache und bedeutet verhandeln – quasi die Grundlage dafür, wie etwas ist, nämlich die Bedingungen. Auch heute noch verhandeln wir über Bedingungen. Und zwar über möglichst gute natürlich. Und unter diesen Bedingungen ergibt auch das Wort Gedinge endlich einen Sinn für mich. Gedinge … eins dieser Wörter, die langsam aussterben. Im Bergbau benutzt man es noch für den ausgehandelten Lohn, den man für die Arbeit bekommt. Weiß ich jetzt. Weil ich es nachgeschaut habe.
Immer wenn ich sonst über den Begriff Gedinge gestolpert bin, habe ich mich gefragt, was das heißen soll. Vielleicht so was wie Gedöns, hab ich gedacht. 2018 lerne ich nun also endlich die wirkliche Bedeutung. Ausgerechnet. Wo doch Ende des Jahres der Steinkohlebergbau im Ruhrgebiet ein Ende hat und damit auch die Verhandlung über jedwedes Gedinge für Arbeit unter Tage.
Und jetzt erst recht klaube ich das Wort Gedinge auf, um es vor dem Vergessen und dem Untergang zu schützen.

Rilke hat sich hingegen vielleicht nicht so sehr um das Aussterben von Wörtern geschert. Eher um das Aussterben der Dinge. Und zwar schrieb er:
„Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.“
Nein, Rilke, widerspreche ich. Ich bring die doch nicht um.

Weil ich aber glaube, dass Rilke das womöglich nicht ganz überzeugt, dass er es weiterhin ein Unding findet, dass ich dauernd alles benennen will, gebe ich mir in Zukunft vielleicht etwas mehr Mühe, nicht so genau zu sein mit den Worten. Auch da kann das Wort Ding ungemein helfen. Denn mit einem hier und da eingestreuten Dings wird jede Aussage ganz wunderbar unkonkret. Dings als Substitut für alle Worte, die einem gerade nicht einfallen. Hast du mein Dings gesehen? Noch schöner: Dingsbumms – oder im Pott: Dingensbummens –, das hat gleich doppelt Sound. Wenn ich das öfter benutze, ist er sicher stolz auf mich … der … dieser Dichter, mit den Gedichten über Dinge. Der Herr … Dingenskirchen.

Eure CARLs Schreiberin

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