Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

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Füllwörter #1: nichtsdestoweniger

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Wenn ich dieses Wort höre, denke ich immer an den Tag, an dem ich den Erste-Hilfe-Kurs für den Führerschein gemacht habe. Das ist ungefähr 16 Jahre her. (Mein Edelhelfer war auch dabei.) Jetzt ist es wieder so weit: „Nichtsdestoweniger“, sagt jemand. Ich weiß bis heute nicht, was „nichtsdestoweniger“ bedeutet und glaube, der Leiter des Kurses wusste es auch nicht. Dennoch begann er jeden seiner Sätze mit diesem Füllwort.
Für unsere Jugendredaktion Junge Wortklauber haben wir vor einiger Zeit einen Merkzettel entworfen. Darauf stehen Tipps zum Verfassen von Blogartikeln. Ein Tipp lautet: Füllwörter vermeiden!
Was sind Füllwörter? Ich muss an mein Lieblingsfußballzitat denken:
„Marc, hör’ endlich auf, Kakao ins Aquarium zu schütten!” Das hat MSV-Legende Michael Tönnies während eines Telefoninterviews nebenbei zu seinem Sohn gesagt.
Demnach wäre Kakao ein Füllwort. Und Hackfleisch – wenn man es zum Beispiel in eine Aubergine füllt. Oder Motoröl – wo auch immer das reingefüllt wird.
Tatsächlich meinen wir mit Füllwörtern eigentlich Wörter wie tatsächlich und eigentlich. Auch, mal, ja, da, gar, also, wohl und eben nichtsdestoweniger sind Füllwörter, oder besser: können Füllwörter sein.

Laut Duden sind Füllwörter Wörter, die einen geringen Aussagewert haben. Manchmal sind Wörter wie ja, da, mal oder gar wichtig für die Bedeutung eines Satzes, oft aber nicht.
„In der gesprochenen Sprache werden Füllwörter zur Verbesserung des Sprachflusses eingesetzt“, sagt Wikipedia. Mit nichtsdestoweniger den Sprachfluss verbessern – der Kursleiter war ein Teufelskerl.
Für die geschriebene Sprache gilt Ähnliches: Füllwörter können zum Textfluss beitragen. Verzichtet man ganz auf sie, können Texte abgehackt und aprubt klingen. Heißt: Füllwörter müssen nicht immer vermieden werden.
Füllwörter werden auch als „Worthülsen“ bezeichnet. Komisch, sind Hülsen und Füllungen etwas völlig anderes: Gegenteile. Ein weiteres Synonym lautet „Blähwörter“, weil sie Texte unnötig aufblähen. Da lässt sich eine Verbindung zu den Hülsen feststellen. Hülsenfrüchte verursachen seit jeher Blähungen. Jedes Böhnchen gibt ein Tönchen. Bohnen kann man sprichwörtlich in den Ohren haben. Gefüllte Ohren. Die verursachen keine Blähungen, dafür Verstopfung. Stopfwörter. Mit Bohnen in den Ohren nicht hörbar. Mit Tomaten auf den Augen nicht sichtbar.

Ein ehemaliger Journalismusdozent von mir hatte es auf eine andere Wortgruppe abgesehen. Er sagte: „Adjektive sind scheiße.“ Glaubt man ihm, sind Adjektive Scheißwörter. Aber können Adjektive nicht auch Wörter sein, die einen Text garnieren; wie Tomaten die Augen? Garniturwörter. Das Salz in der Suppe. Würzwörter. Ich bin kein Adjektivfan, aber ich glaube, ein guter Text ist mit einem Gericht vergleichbar. Es kommt auf die Idee an. Auf Fingerspitzengefühl. Aufs Probieren. Mal mit mal ohne Adjektiv, mal mit mal ohne ein gar, ja und also. Wie schmeckt die Suppe am besten? Auch wichtig: Andere probieren lassen. Viele Köche verderben den Brei, aber viele Leser verfeinern den Text.
Sicher gibt es Texte, die unter Blähungen leiden, aber jeder Text hat seine eigenen Anforderungen. Manche brauchen Füllwörter. Solche Texte zum Beispiel, die sich nah an der gesprochenen Sprache orientieren wollen. Die Dosierung machts. Alles in Dosen. Ob Tomaten, Bohnen oder Kakao.
Mit den Regeln ist das ja ohnehin so eine Sache. Und Geschmäcker sind verschieden. Es gilt: Beim Schreiben und in der Liebe ist alles erlaubt. Nach meinen neusten Erkenntnissen geht beides durch den Magen.

Schließlich hoffe ich, die Lektüre ist blähungsfrei und ohne Völlegefühl verlaufen. Immerhin habe ich soeben 19 Füllwörter aus diesem Text gestrichen. Strichwörter.
Nichtsdestoweniger sage ich:

Auf bald

Euer und CARLS Co-Schreiber

Tobias Steinfeld

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