Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

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Schwerwiegende Worte: Sisyphusarbeit

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Jetzt ist der Januar schon fast vorbei.
Ich habe in den vergangenen Wochen wieder viel gehört und gelesen über zahllose gute Vorsätze zu Jahresbeginn. Und längst auch darüber, wie schnell es mit der Umsetzung oft vorbei war.
Ich wollte mit Vorsätzen gar nicht erst anfangen. Wollte mir die Frustration ersparen.
Aber dann ging es ans Ausräumen meines Arbeitszimmers, das dringend renoviert werden muss. Was ich im Lauf der vergangenen Jahre alles angesammelt und aufgehoben habe! Bücher, zwei Reihen hintereinander in den Regalfächern, Papiere verschiedenster Art, unzählige Briefe, Glückwunschkarten, Dokumentationen von Workshops, Text-Entwürfe und jede Menge Zeitungsartikel …
Da drängten sich mir die Vorsätze regelrecht auf: Ich will mein Arbeitszimmer übersichtlicher machen, regelmäßig aussortieren und mich von Ballast befreien.

Schon war ich bei Sisyphus. Die Sage ist bekannt. Von den Göttern des antiken Griechenlands war er dazu verurteilt (warum, ist von Homer nicht eindeutig beschrieben), einen Felsblock auf einen steilen Hügel hinaufzustemmen. Jedes Mal jedoch, wenn Sisyphus den mächtigen Stein fast bis oben auf den Gipfel gebracht hat, stürzt der Felsblock wegen seines schweren Gewichts wieder nach unten ins Tal, bevor Sisyphus ihn auf die andere Bergseite bringen kann. Der Stein muss erneut hinaufgewälzt werden. Wieder und wieder.
Diesem Mythos verdanken wir den Begriff der Sisyphusarbeit. Die gilt bei mir nicht nur für den tagtäglichen Abwasch und die Wäscheberge oder schmutzigen Fenster. Sie betrifft ganz besonders mein Arbeitszimmer. Darin versteckt sich mein Berg, auf den ich unermüdlich den schweren Stein rollen muss.
Und wenn er auch nur aus Papier besteht, so habe ich doch das Gefühl, dass er nicht leichter wird. Und dass ich niemals an ein Ende komme, so sehr ich mich auch bemühe.

Aber hat Albert Camus, der sich so intensiv mit der Absurdität unseres Daseins befasst hat, den Homerschen Sisyphus nicht längst weitergedacht?
Hat Camus nicht den unerhörten Satz geschrieben: Wir müssen uns Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen?
Sisyphus und glücklich???
Ja, ich versuche mir das vorzustellen. Ich schlüpfe in seine Haut, wie ich es beim Schreiben auch mit meinen Romanfiguren mache.

Ich sehe Sisyphus den Stein stemmen. Sehe ihn die immer gleiche Herausforderung immer wieder aufs Neue anpacken. Schaue ihm dabei zu, wie er bis an die Grenzen seiner Kräfte geht. Und dennoch sein Ziel nie erreicht.
Wo bleibt da das Glück?
Vielleicht, denke ich, gelingt es Sisyphus mit der Zeit täglich besser, den Stein nach oben zu befördern? Vielleicht entwickelt er eine Methode, die ihm die Arbeit erleichtert?
Oder er entdeckt unterwegs etwas, worüber er sich freut? Worauf er sich freut, sobald er erneut mit der Arbeit beginnt. Blumen am Weg. Einen besonderen Ausblick ins Tal? Über sich leichte Wolken.
Vielleicht fühlt der Stein sich an Sonnentagen angenehm warm an?
Vielleicht, ja vielleicht ist Sisyphus bei seinem ständigen Bemühen sogar insgeheim davon überzeugt, in nicht allzu ferner Zukunft den Stein für immer nicht nur auf den Gipfel zu bringen, sondern auch auf die andere Seite. Um endlich von ihm befreit zu sein, den Göttern zum Trotz?
Glück ist etwas Flüchtiges.
Warum sollte Sisyphus bei aller Schweiß treibenden Arbeit nicht Momente des Glücks erleben?

Ich werfe einen Blick aus dem Fenster. Entdecke Schneeglöckchen. Erste Krokusse. Sie haben sich wie jedes Jahr aus der Erde ans Licht gekämpft.
Also mache auch ich mich wieder an die Arbeit.
Ich bin schon dankbar, dass ich keinen Felsblock stemmen muss.
Und wenn ich erst gründlich sortiert und geordnet, mich von viel Ballast befreit habe, wenn das Parkett wieder glänzt und die Wände wunderbar weiß sind, wenn ich leichten Herzens das Zimmer einrichten kann …
Dann werde ich nicht nur dankbar sein, sondern sicher auch glücklich.
Ich freue mich schon darauf, wie ich mich an den Schreibtisch setze und ein neues Buchprojekt beginne.
An manchen Tagen eine Sisyphusarbeit.
Und an anderen, ja wirklich, ein Glück.

Das wünscht auch euch
eure und CARLs Inge

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