Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

Wichtige Worte #8: Freundschaft

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Freundschaft bleibt Freundschaft. Aber wie ist das, wenn man seine Heimat verlässt?

Als ich nach Deutschland kam, war alles ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich dachte mir, dass ich nie Freunde finden würde. Ich war erst einige Zeit ohne Freunde, weil ich kein Deutsch sprechen konnte, und ohne Sprache war ich sprachlos. Erst nach ein paar Monaten hatte ich genug Deutsch gelernt, um mich mit anderen zu unterhalten. Das Leben ohne Freunde war nicht so einfach. Es war leer. Als ob man Essen ohne Salz kocht – man kann damit satt werden, aber es schmeckt nach nichts. So fühlte sich auch das Leben damals an.

In Afghanistan hatte ich eine Menge Freunde, darunter auch beste Freunde, mit denen ich die glücklichsten Momente meines Lebens verbracht habe. Diese Momente haben mir viel Hoffnung gegeben. Wir haben uns immer alle getroffen und unterhalten oder miteinander gespielt: Karten oder Mensch ärger‘ dich nicht. Ich war sehr gut beim Kartenspielen, aber ich habe bei dem Spiel Mensch ärger‘ dich nicht meistens verloren. Hat aber trotzdem Spaß gemacht. Wir hatten Spielregeln: Wer verlor, musste das machen, was die Gewinner wollten. Meistens habe ich „Nackenklatsch“ von den anderen gekriegt, oder ich musste mit nackten Füße im Schnee laufen.

Das ist hier nie so. Immer wenn meine Freunde zu mir kommen, fragen sie erst nach meinem WLAN-Passwort oder machen direkt den Fernseher an. Die erste halbe Stunde unterhalten wir uns noch gut, aber danach nimmt jeder sein Handy und ist damit beschäftigt. Die Menschen hier sind auch alle unterschiedlich. In Afghanisatm waren alle meine Freunde aus derselben Kultur, aus einem Land, in dem wir alle nur eine Sprache hatten. Aber hier sind ganz viele Menschen aus verschiedenen Ländern und verschiedenen Kulturen. Manchmal ist das gut: Wenn alle zusammensitzen, lernen wir verschiedene Kulturen kennen und wenn wir einander besuchen, essen wir das Essen mit den ganz verschiedenen Geschmäckern. Aber es dauert sehr lange bis man solche Freunde findet und daraus beste Freunde werden.

Als ich nach Deutschland kam, habe ich alle Freunde zurückgelassen und verloren. Nur ein paar sind geblieben, und die kann ich nicht mal mehr sehen. Es ist sehr schwer, mit jemandem eine Freundschaft zu beginnen, wieder neue Freunde zu finden und denen zu vertrauen.

Es stimmt, dass man seine besten Freunde nicht vergessen kann, aber wenn man sie lange Zeit nicht trifft und nicht mal telefonisch Kontakt hat, dann ist das sehr schwer, die Freundschaft zu behalten. Manchmal ertrage ich es nicht, meine Freunde nicht treffen zu können. Ich vermisse sie sehr oft und die schönen Zeiten, die wir zusammen hatten. Manchmal weine ich sogar, aber keiner hört das. Ich will auch nicht, dass es jemand hört. Das Leben ohne Freunde ist wertlos wie eine Welt ohne Regen. Man könnte dort zwar leben, aber es gibt keine Schönheit und es ist immer trocken, es gibt keine Pflanzen. Dort würde das Glück fehlen. Ich erinnere mich an meine Kindheit, als ich morgens früh durch den Wald zur Schule laufen musste. Manchmal hatte ich Angst und bin nicht alleine gelaufen, aber trotz allem machte mich die Natur glücklich. Das Singen der Vögel gab mir immer neue Träume und neue Hoffnungen, als wäre ich in einer Welt, in der es außer Glück nichts gab.

Ein Leben ohne Freunde bedeutet für mich das Leben ohne Glück und Hoffnungen. Zum Glück habe ich auch hier Freunde, auch wenn es anders ist. Zu Hause, in Afghnistan, war ich bloß zwei Stunden am Tag mit dem Handy beschäftigt. Ich hatte genug Zeit, um meine Sachen zu erledigen. Hier bin ich mehr als sechs Stunden täglich mit dem Handy beschäftigt, außerdem schaue ich zwei Stunden fern, danach habe ich nicht mal mehr Zeit, meine Hausaufgaben zu machen.

Zalmai Ahmadzai

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