Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin
Leere Sprechblasen

Wichtige Worte #6: Sprechen

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Neulich brauchte ich einen Arzttermin. Ich versuchte die Praxis telefonisch zu erreichen und hörte eine mechanische Stimme, die mir Folgendes mitteilte: „Sie rufen außerhalb unserer Sprechzeiten an“. Ich legte auf und dachte nach. Erst kürzlich hatte ich einen Elternsprechtag besucht. Immerhin zehn Minuten lang durfte ich mich mit der Lehrerin unterhalten, während draußen schon die nächsten Eltern mit den Füßen scharrten. Sprechzeiten sind ein begehrtes Gut.

Das wurde mir umso deutlicher bewusst, als ich schließlich im voll besetzten Wartezimmer der Arztpraxis saß. Wir alle warteten auf unser Gespräch mit dem Arzt – und schwiegen. Nicht einmal in Mobiltelefone wurde gesprochen. Stattdessen taten wir, wozu viele heute kaum noch Zeit finden. Wir lasen. Manche in Büchern. Etliche in Zeitschriften. So wie ich – und da erfuhr ich ganz nebenbei, dass ein gutes Arzt-Patienten-Gespräch nachweislich die Gesundheit stärkt. Wenn man sich denn gegenseitig zuhört. Mein Termin dauerte nicht lange. Vorsorgeuntersuchung, alles in Ordnung, bis zum nächsten Mal.

Zu Hause google ich das Wort „sprechen“ und lese bei Wikipedia, dass das Sprechen „der Vorgang des vorwiegend auf zwischenmenschliche Interaktion ausgerichteten Gebrauchs der menschlichen Stimme“ ist. Beim Gespräch „gibt es die Rolle des Sprechers und die Rolle des Hörers, wobei die Rollen gewechselt werden“. Während der eine spricht, schweigt der andere. Wer gemeinsam schweigen kann, braucht vielleicht keine Worte. Fürs Schweigen werden allerdings in der Regel keine Stunden, schon gar keine Tage eingeräumt. Die übliche Einheit hier ist die Schweigeminute.

Wenn Schweigeminuten mehr oder weniger angeordnet werden, ist meist etwas Schreckliches passiert. Menschen sind gestorben. Weil zum Beispiel Waffen gesprochen haben. Können Waffen sprechen? Dürfen Waffen sprechen? In meinem etymologischen Wörterbuch von Duden finde ich die Theorie, dass das Wort „sprechen“ möglicherweise verwandt ist mit dem schwedischen spraka, das soviel heißt wie „knistern, prasseln“. Und tatsächlich lassen wir oft Sätze auf andere einprasseln, ohne sie zu Wort kommen zu lassen. Wir sprechen. Aber wir lassen kein Gespräch zu. Das ist zwar zum Glück selten tödlich, aber auch nicht schön oder der Gesundheit dienlich.

Nutzen wir doch die bevorstehenden Feiertage, um unseren Lieben ein besonderes Geschenk zu machen. Lassen wir uns mit ihnen auf Gespräche ein. Gespräche, in denen wir abwechselnd sprechen und schweigen. In denen wir unsere Stimme gebrauchen und unsere Ohren und Herzen. Machen wir die Feiertage zu Liebstensprechtagen. Wenn dazu noch ein vielversprechendes Feuer im Kamin prasselt – umso besser.

Das findet Carls Co-Schreiberin
Anja Kiel

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