Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

Wichtige Worte #5b: Paradiese erinnern; Industriedenkmäler

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CARLs Inge schrieb neulich, dass Erinnerungen Paradiese sein können. Paradiese, in die man zurückkehren kann. Das stimmt. Und ein bisschen auch nicht. Für mich zumindest. Ich schaue zurück. Aber immer ist da diese Glasscheibe zwischen dem Einst und dem Jetzt.
Wie im Museum. Gucken, aber nicht anfassen.

Schön, dass das geht. Zurückgucken, meine ich. Und sich erinnern. Schön. Aber auch schmerzhaft.
Jetzt, im Advent, drücke ich besonders oft meine Nase an der Scheibe platt.
Guck, sage ich und zeige auf die kleine Sarah. Die sitzt neben dem Weihnachtsbaum und freut sich über Geschenke, die noch nicht Ballast sind. In einer Zeit, in der noch jeder Plastikglitzerstern in eine Schatzkiste gehört.
Ich will dahin zurück.
Ich rüttle an der Türklinke.
Nichts zu machen.
Paradies? Ja. Aber verlorenes Paradies.
Guck, sage ich.
Aua, sagt mein Herz.
Stell dich nicht so an, sage ich. Als ob es so schlimm wäre, eine schöne Kindheit durch eine Glasscheibe anzugucken. Immerhin ist da eine schöne Kindheit, die ich angucken kann.
Trotzdem, sagt das Herz. Je schöner und voller die Erinnerung, desto größer der Schmerz.

Warum Menschen wohl zu Wehmut (oder Wehwut, wie CARLs Inge sie so richtig entlarvt hat) und Nostalgie neigen? Ich weiß es nicht. Es muss biologische Gründe haben. Sonst wären diese Gefühle doch nicht so weit verbreitet. Oder?

Und weil ich CARLs Schreiberin bin, muss ich jetzt natürlich auch gleich an CARL denken. Der früher mal eine Zeche gewesen ist. Ehe er soziokulturelles Zentrum wurde. Die Zechenzeit, das war seine Kindheit. Denke ich. Eine Kindheit, in der jeder Brocken schwarzes Gold noch in die Schatzkiste gehörte.
Ob CARL auch manchmal zurückschaut?
Ob er manchmal Sehnsucht hat nach seiner Kindheit?
Ob er die Bergleute vermisst, die seine ständigen Begleiter waren?

2018 schließt die letzte Zeche. Und es gibt viele Menschen, die wehmütig zurückgucken. Sich die Nasen plattdrücken. Aua, sagen ihre Herzen.

Wenn ich in meine Kindheit zurückschauen will, schlage ich ein Fotoalbum auf.
Wenn ich in die Kindheit des Ruhrgebiets zurückschauen will, gehe ich in eine der umgenutzten Zechen.
Die Zeche Carl, die längst soziokulturelles Zentrum ist.
Die Zeche Zollern, die zum LWL-Industriemuseum wurde.
Die Zeche Zollverein, die das Ruhrmuseum beherbergt.

Aber auch da kann ich die Vergangenheit bloß erahnen. Keine Zeitreise machen. Nur da stehen und denken: So ist es gewesen. So. Oder so ähnlich. Denn wirklich wissen kann ich es nicht. War ja nie da. War auch nie unter Tage. Und selbst wenn: Einmal einfahren ist natürlich was ganz anderes, als dort unten jeden Tag zu arbeiten.

Aber warum sollte man auch zurückschauen?, fragt mein Kopf, der schon aus Prinzip gern in Frage stellt, was das Herz findet. So schön war die Arbeit unter Tage doch sicher nicht. Die Solidarität, ja klar. Die Anerkennung, ja gut. Aber die Arbeit war hart. Die Zukunft auch damals oft ungewiss und vor allem: jetzt längst Vergangenheit. Wozu also erinnern? Wozu erhalten?
Ja. Warum eigentlich?

Das Ruhrgebiet investiert zu viel in seine Vergangenheit und zu wenig in seine Zukunft, habe ich neulich jemanden sagen hören.
Könnte ich zugleich nicken und den Kopf schütteln, ich hätte es getan.

Denn: Ja, verdammt. Wir müssten doch mehr für die Zukunft tun. Mehr investieren in Bildung. Mehr investieren in neue Ökonomien.

Und gleichzeitig: Wir müssen doch bewahren, erhalten, erinnern. Wie sonst sollen wir das Ruhrgebiet verstehen? Wie sonst sollen wir es mit seinen (Tages-)Brüchen und Abgründen begreifen? Wie sonst können wir seine Seele, seine besondere Mentalität bewahren?

Zum Erinnern brauchen wir Orte. Orte, an denen wir unsere Nasen an Scheiben plattdrücken und sagen können: Da. Guck. So war das.
Und warum nicht beides? Warum nicht investieren in die Musealisierung der Vergangenheit, um darauf Zukunft aufzubauen?
Warum nicht zurückblicken, um nach vorn zu träumen?
Warum nicht Orte schaffen, die uns Fenster in die alten Paradiese freihalten und Türen öffnen zu neuen?

Eure CARLs Schreiberin

Sarah Meyer-Dietrich

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