Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

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Manchmal müssen auch Leiter(n) ruhen

Wortentdeckung #8: Leiter(n)

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Im November wird für die dunkle Jahreszeit aufgerüstet. Und so sehe ich an vielen Orten Menschen auf Leitern, die Lichterketten in Bäume friemeln. Schön ist das. Und erhellend. Ich denke mir, was für ein Glück, dass wir Leitern haben. Leitern.

Ich muss daran denken, wie wir im Sommer mit der Wortklauber-Redaktion ein Picknick planten. Eine Menge Speisen und Getränke sollten zum Nordsternpark geschafft werden. Ein Redaktionsmitglied hoffte, dass „die Leitern“ vielleicht ein Auto für den Transport zur Verfügung hätten. Die Leitern? Wie soll man auch darauf kommen, dass der Plural von Leiter je nach Bedeutung mal mit, mal ohne „n“ gebildet wird, wenn man erst seit wenigen Monaten in Deutschland lebt. Und immerhin gibt es ja sogar Leiterwagen, die für ein Picknick geradezu ideal sind.

Ich frage mich also, worin eigentlich der Unterschied besteht zwischen Leiter und Leiter. Leiten wir nicht alle, egal ob Trittleiter, Redaktionsleiter oder elektrische Leiter?

Wie so oft hilft ein Blick in die Etymologie. „Die Leiter“ (Plural „Leitern“) lässt sich zurückführen auf das mittelhochdeutsche „lenen“. Man könnte die Leiter also genauso gut als „die Angelehnte“ bezeichnen. Ungeachtet der Tatsache allerdings, dass es auch freistehende sogenannte Bockleitern, ja sogar Auflegeleitern (über die Dachdecker das Dach rutschfrei bekrabbeln können) gibt – ganz zu schweigen von Strickleitern.
„Der Leiter“ oder „die Leiterin“ hingegen lassen sich vom mittelhochdeutschen leitœre, dem Anführer, ableiten.

Wo wir gerade beim Führen sind, führt mich das zu einem weiteren Gedanken. Immerhin sind wir hier auf carlsschreiberin, dem Blog der Zeche Carl. Hier (und in anderen Bergwerken auch) hießen die unterirdischen Leitern „Fahrten“ – analog zum Begriff „befahrbar“, also für Menschen zugänglich. Der Duden kennt die Fahrte nicht, wohl aber das Büchlein „Bergmannssprache im Ruhrrevier“ von Tilo Cramm und Joachim Huske. Zwei Begriffe über der Fahrte finde ich das Wort „Fahrsteiger“, mit dem ein höherer Zechenangestellter bezeichnet wird. Was der den ganzen Tag gemacht hat? Unter anderem Leitern, äh, Fahrten bestiegen. Oder befahren? Natürlich muss ich bei dem Wort „Angestellter“ gleich an „Anstellleiter“ denken, aber lassen wir das.

Da fällt mir ein, dass eine ehemalige Schulfreundin mir nach den Ferien immer begeistert von ihren Fahrtenleitern erzählte. Waren das jetzt doppelte Leiter? Nein, das waren die Leiter, die die Fahrten – also Ausflüge – der Pfadfinder … nun ja, leiteten. Dort gab es sicher einiges zu erfahren. Leitern gehörten aber vermutlich trotzdem nicht zur Ausrüstung, höchstens mal Räuberleitern, wenn es einen Baum oder hohen Felsen zu besteigen galt.

Ob mit oder ohne „n“ im Plural: Ich finde die Vorstellung jedenfalls schön, als Leiterin irgendwo hinzuleiten oder jedenfalls anzuleiten. Und auch, wenn die Überleitung jetzt ein bisschen an den Haaren herbeigezogen scheint, möchte ich zur Erhellung beitragen. Nicht nur in der dunklen Jahreszeit. Aber gern auf diesem Blog.

Das wünscht sich Carls Co-Schreiberin Anja Kiel

PS. Übrigens gibt es in Kärnten einen Fluss, der Leiter heißt. Der stürzt als Leiterfall sehr malerisch in die Möll. Bei allen anderen Leitern wäre ein Fall wohl eher tragisch.

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