Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

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Wichtige Worte #5: Paradiese erinnern

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Jean Paul hat geschrieben: Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.

Manche Menschen erinnern ihre Kindheit als Paradies. Andere die Zeit einer unbeschwerten Liebe. Wieder andere das Land, in dem sie aufgewachsen sind.

Moutasm Alyounes, einer von Carls jungen Wortklaubern, hat hier im Blog einen anrührenden, poetischen Text geschrieben, der noch in mir nachhallt. „Ich liebe sie und sie, und sie beide lieben mich“. Er erzählt davon, wie zerrissen Moutasm sich fühlt zwischen seiner Liebe zu dem Land, aus dem er kommt, und der Stadt Essen, die ihm ein neues Zuhause geschenkt hat. „Syrien – mein Heimatland – war und ist für mich die große Liebe. Ich fühlte mich wohl in ihr.“

Der junge Autor spricht nicht von Paradies. Und doch scheint er seine Heimat zumindest eine Zeit lang als paradiesisch empfunden zu haben. Er trauert ihr nach und leidet unter dem, was seinem Land widerfahren ist und weiterhin widerfährt. Aber er erinnert sich auch immer wieder an das Schöne, das ihn vermutlich sein Leben lang mit diesem Land verbindet. Er bewahrt das frühere Leben in all seiner Vielfalt in seinem Inneren. Speichert es in seinem Gedächtnis. Behält es aber auch und umso eindrücklicher, indem er darüber spricht und darüber schreibt. Indem er uns Leser an seinem Erinnern teilhaben lässt.

Gleichzeitig verharrt er nicht in der Erinnerung. Klammert sich nicht an die Vergangenheit als letzten Rettungsanker. Er ist offen für eine neue Liebe, wie er sein jetziges Zuhause im Ruhrgebiet nennt.

Wir alle kennen die Geschichte von Adam und Eva, die aus dem ursprünglichen Paradies, dem Garten Eden, vertrieben worden sind. Und so wissen wir, dass Paradiese selten von Dauer sind. Abgesehen von der Vorstellung eines himmlischen Paradieses im Jenseits, worüber aber noch niemand authentisch berichten konnte.

Unsere irdischen Paradiese sind flüchtig. Bezeichnen manchmal sogar nur einen Glücks-Zustand, der fragil ist. Der von einer Sekunde auf die nächste kippen kann. Der sich auflöst.

Aber dann ist sie auch schon zur Stelle, die Erinnerung. Hilft uns zu be-halten. Zu be-wahren. In unserer Fantasie, in unserem Denken und Fühlen. Wir können die erinnerten Paradiese sogar verändern. Können sie farbiger, leuchtender machen. Was wir mit zunehmendem zeitlichen Abstand und in wechselnden Lebensaltern häufig auch tun, ohne es bewusst wahrzunehmen. Oder ohne es uns einzugestehen. Vielleicht fällt uns nur in den Erzählungen anderer auf, wie oft Erinnertes von Mal zu Mal bunter, schöner oder origineller wird.

Ich kenne das gut von mir selbst. In meiner Kindheit, die nur kurz paradiesisch war, gab es für mich so etwas wie einen Garten Eden. Mein Wiesental. Ein verwunschener Park, in dem meine Freunde und ich spielten. In den ich auch allein ging, wenn ich traurig war. Und als ich Abschied von zu Hause nehmen musste, weil meine Mutter sterbenskrank wurde. Die Bäume im Wiesental haben mich getröstet, das weiß ich noch ganz genau.

Erst als längst Erwachsene habe ich mein Wiesental wiedergesehen und war überrascht, dass es so viel kleiner, vielleicht auch unscheinbarer wirkte als in meiner Erinnerung. Der Besuch ist schon eine Weile her. Überlebt in mir hat das Wiesental, das zuvor so viele Jahre zum Sehnsuchtsort aus Kindertagen geworden war. Ein Paradies. Ja. Und dabei bleibe ich.

Um noch einmal auf Jean Pauls oben zitierten Satz zurückzukommen:

Lassen wir uns von erinnerten Paradiesen aus dem Es-war-einmal dazu inspirieren, uns neue zu schaffen. Neue Gärten Eden. Indem auch wir wie Moutasm nicht bei Vergangenem verharren, sondern den Blick schärfen für Gegenwärtiges. Genau hingucken, aufmerksam zuhören. Riechen. Schmecken. Fühlen.

Um sie nicht zu verpassen, die paradiesischen Momente. So wenig dauerhaft sie auch sein mögen. Ein vielleicht nur selten mögliches Zusammensein mit einem vertrauten Menschen, das gerade durch die Seltenheit umso kostbarer ist. Das Versinken in ein Musikstück, das uns fortträgt aus dem Einerlei des Alltags. Das Abtauchen in die Parallelwelt eines Romans. In den Anblick von Himmel und Wolken. Oder in die eigene Fantasie, die uns Paradiese nicht nur erinnern, sondern auch erschaffen lässt.

 

Eure und CARLs Inge

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