Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

Wortneuschöpfung #3: Nachfreude

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Neulich erzählte mir ein Freund, er hätte etwas festgestellt. „Vorfreude“, sagte er, „ist wirklich die schönste Freude.“ Er war im Urlaub und weiß genau, dass er sich in diesem Urlaub nicht einmal so gefreut hat wie vorher. Ich muss an unsere Junge Wortklauberin Johanna denken. Sie schrieb im Sommer, ihre Vorfreude auf den Urlaub, musste zu schnell dem Vorbereitungsstress weichen. Und auch CARLs Inge hat sich kürzlich der Vorfreude gewidmet: Die Dunkelheit des Winters, schreibt sie sinngemäß, macht es möglich, dass wir uns schon mal auf das Grün des Frühjahrs vorfreuen können.

Mein Kumpel hat andere Sorgen. Der meint: „Du bist an einem wunderbaren Ort, aber weißt es nicht zu schätzen, suchst Probleme, wo keine sind. Vielleicht hättest du besser das andere Abendessen gewählt – irgendwas. So was passiert dir bei der Vorfreude nicht.“

Ich frage mich, ob das überhaupt geht: die große Freude des Moments spüren. Bewusst. Das würde ja bedeuten: Ich muss im freudigsten Moment darüber nachdenken, wie freudig er ist. Würde ich mit dem Gedanken daran nicht mein Freudenkartenhaus einstürzen lassen und den schönen Moment damit zerstören? Schwierig.

Mir fällt ein, dass ich mich neulich auch mit dieser Vorfreudensache beschäftigt habe – ich lasse meinen jugendlichen Romanhelden Paul Folgendes denken:

Heute wird es Chili con Carne geben. Chili con Carne ist mein Lieblingsessen. Der Spruch „Vorfreude ist die schönste Freude“ ist trotzdem bescheuert. Ich meine, natürlich ist Vorfreude schön, aber nicht am schönsten, das wird mir genau in diesem Moment bewusst, denn im Moment ist die momentane Freude am schönsten: Ich bin nämlich mit der schönen Birgit alleine. Und das beste: Ich sitze im Jacuzzi.

Paul ist offensichtlich eher so der Augenblickstyp – aber ein Jacuzzi, als Ort der Entspannung, ist wahrscheinlich auch ein besonders geeigneter Ort für die Freuden des Augenblicks.

Ich überlege, welche Ereignisse sich noch eignen könnten, um die Sache zu erörtern. Wie empfindet zum Beispiel eine Mutter in Bezug auf die Geburt ihres Kindes? Soll Vorfreude hier am schönsten sein? Oder genießt sie tatsächlich jede Wehe wie eine entspannte Whirlpool-Session? Oder erinnert sie sich noch Jahrzehnte später überglücklich an die turbulenten Szenen im Kreißsaal?

Keine Ahnung.

Zum Glück gibt es noch meinen ganz persönlichen Senf, den ich zum Thema abgeben möchte: Was die Vorfreude angeht, halte ich es mit Paul: Natürlich ist sie schön, aber der Satz „Vorfreude ist die schönste Freude“ ist bescheuert. Ich würde ihn umformulieren in „Nachfreude ist die schönste Freude“. Ich bin nämlich Erinnerungsfreund. Manchmal, wenn ich einen besonders schönen Moment erlebe, erwische ich mich sogar dabei, wie ich mich schon darauf (vor)freue, mich an den Moment zu erinnern oder Freunden von dem Moment zu erzählen. Ich glaube, das ist auch einer der Gründe dafür, warum ich schreibe: Ich nehme Momente wahr, die Teile von Geschichten werden. Und Geschichten werden beim Schreiben und Lesen wieder zu Augenblicken. Schreiben ist Erinnerung und Gegenwart in einem.

Und Vorfreude verspüre ich auch: Mein Roman erscheint nämlich im nächsten Februar, und ich hoffe sehr, dass die Vorfreude da nicht die schönste bleibt, sondern die Leser wunderbare Augenblicke damit erleben, an die sie sich später dann gerne zurückerinnern werden, um sich dann aufs nächste Buch zu freuen.

Auf bald

Euer und CARLs Co-Schreiber

Tobias Steinfeld

Der Roman „Scheiße bauen: sehr gut“ von Tobias Steinfeld erscheint am 13.2.2018 im Thienemann-Esslinger Verlag, Stuttgart. Er handelt vom 14jährigen Paul, der eigentlich zum Praktikum an eine Förderschule kommt, dort aber für den minderbegabten Schüler Per gehalten wird.

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