Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

Wortneuschöpfung #3: Wehwut

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Als ich über Melancholie schrieb, erwähnte ich das Wort Wehmut, das mir dabei in den Sinn kam. Und nahm mir vor, einmal intensiver darüber nachzudenken. Ein schönes Wort, fand ich und finde ich immer noch.
Aber warum bloß aus zwei so widersprüchlichen Begriffen zusammengesetzt? Die ich doch als Ganzes begreifen wollte?

Weh bedeutet Schmerz, Leid, Kummer.
Mut hat zu tun mit Wagnis, mit Tapferkeit, mit sich etwas zutrauen, das nicht selbstverständlich ist.
Wie passt das zusammen, fragte ich mich. Und vor allem: Wie passt das zu dem Gefühl, das ich habe, wenn ich wehmütig bin?

Ich horchte in mich hinein. Fühlte.

Dieses Weh, das wurde mir klar, hatte etwas ganz leise Schmerzliches, etwas, das an Erinnerung festzuhalten versuchte oder wenigstens noch an diesem gerade vergehenden Augenblick. Vielleicht samt dem Sonnenstrahl, der die letzten Blätter am Baum vor meinem Fenster aufleuchten ließ. Oder mit der Hortensienblüte, die als Einzige ihr strahlendes Blau noch nicht verloren hatte.

Soviel zum Weh. Zu diesem besonderen Weh.
Und wozu dann der Mut? Brauche ich ihn, um mich zu verabschieden?
Brauche ich ihn, um das Weh zu ertragen?

Nein, so einfach ist das nicht. Ich kann Wehmut nicht erklären, indem ich die beiden Wortbestandteile auseinander- und jedes für sich nehme.
Mein Nachdenken brachte mich nicht weiter. Ich gab es erst einmal auf.

Da hatten wir offiziell noch Sommerzeit in Deutschland.
Seit dem letzten Oktoberwochenende ist es damit vorbei.
Nicht alle Uhren in unserem Haushalt stellen sich automatisch um.

Also machte ich mich ans Zurückdrehen der Zeitanzeigen.
Während ich überlegte, wie ging das noch mal am Radio und wie am Herd, hatte ich die ganze Zeit Sven Regeners Stimme im Ohr. Und die Wehmut kroch mir durch Hirn und Herz bis in den Bauch. Fraß sich fest.

In seinem Song „Über Nacht“ auf der CD „Die schönen Rosen“ aus dem Jahr 1996 – lieber Himmel, gab es die tatsächlich schon über zwanzig Jahre? – singt Regener mit seiner Band „Element of Crime“ nämlich genau diese Zeile: … und voller Wehmut stell ich mir die Uhr eine Stunde zurück.

Voller Wehmut. Ja.
So ging es mir doch jetzt auch.
Nein?
Nein. Es ist eher Wut. Wehwut, begehrte ich auf.
Gibt’s gar nicht, das Wort, tadelte mein Kopf.
Ist aber gerade dein Gefühl, flüsterte meine innere Stimme.

Dass der Sommer unwiderruflich vorbei war, zeigten mir ja längst die Bäume, die allmählich kahl wurden, zeigten mir die bunten Blätter auf Wiesen und Straßen. Und all die schrecklichen Leute, die mit diesen schrecklich lauten Laubbläsern die Blätter vor sich her und mich in die Verzweiflung trieben. Zeigten mir die leergeräumten Biergärten und Straßencafés. Selbst die, die mit Heizpilzen, Sonnenschirmen und Wolldecken noch weitermachten, als könnten sie so eine immerwährende Sommerzeit heraufbeschwören.

Das alles geschah nach und nach, und ich nahm es als eher schleichend wahr.
Aber das Zeit umstellen, zack, von jetzt auf gleich, das hatte so etwas Brutales. Das war Rausschmiss. Gnadenlos. Sommer, hau ab! Du hast hier nichts mehr zu suchen!
Und ja, um mir die Umstellung zu versüßen das Versprechen: Du kannst am letzten Oktobersonntag eine Stunde länger schlafen.

Von wegen. Meine innere Uhr tickte noch sommerlich. Die stellte sich nicht einfach so ratzfatz um.

Das alles machte mich wütig. Wehwütig.
Gibt es nicht, die Worte, ich weiß. Aber ich weiß auch, was ich fühle.

Nein. Ich wollte sie nicht, die Winterzeit. Sowieso hatten wir doch erst Herbst.
Von ihm war hier im Blog schon mehrfach die Rede. CARLs Schreiberin hat sich auf originelle Weise mit ihm beschäftigt. Und ich brauchte nur aus dem Fenster zu gucken, dann hatte ich ihn vor Augen, den Herbst mitsamt der letzten blauen Hortensienblüte.

Schon war die Wut weg. Schrumpfte zu einem leisen Bedauern.

So schwankte ich. Schwankte zwischen Wehmut und Wehwut.

Ich seufzte. Machte mir eine heiße Schokolade. Legte „Die schönen Rosen“ in den CD-Player. Schaute hinaus in den herbstlichen Himmel und ließ mich von Element of Crime ganz und gar mitnehmen. Ein bisschen froh und ein bisschen traurig zugleich. Aus der Wehwut tief hinein in die Wehmut.

Wieso hatte ich sie mir eigentlich erklären wollen? Schnapsidee.
Ich spürte sie ja, fühlte sie. Kostete sie aus.
Und jeder fühlt und spürt sie wieder anders, stimmt doch, oder?,

sagt sich eure und CARLs Inge
und macht für heute Schluss mit der Wortklauberei.

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