Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

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Verblüffende Sätze #2: Ich lerne noch

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Neulich. In der Lottoannahmestelle in meiner Nähe. An dem Schalter, der als Postamt fungiert. Wenn man das Schalter nennen kann. Theke trifft es vielleicht eher. Tut aber auch nichts zur Sache.

Jedenfalls: An dieser Theke steht Frau M. und will wissen, was sie für mich tun kann.

Ich weiß, dass sie Frau M. heißt, weil auf der Theke ein Schildchen aufgestellt ist. Mit Hand beschrieben. Darauf steht der Name von Frau M. Und darunter: Ich lerne noch.

Frau M. arbeitet also noch nicht lange hier. Und natürlich verstehe ich, was sie mit dem Satz auf ihrem handgeschriebenen Namensschildchen sagen will. Dass man ein bisschen Geduld mit ihr haben soll. Ihr ihre Fehler nachsehen. Das Schild sagt zwischen den Zeilen: Ich weiß, ich bin noch nicht perfekt, nehmt es mir nicht übel.

Was für ein schöner Satz.

Ich lerne noch.

Ich gucke das Schild an und will zu Frau M. sagen: Nicht schlimm. Ich lerne auch noch. Dauernd. Jeden Tag. Ungelogen.

Und es stimmt ja.

Manchmal lerne ich freiwillig. Weil ich lebenslanges Lernen wichtig finde.

Manchmal lerne ich unfreiwillig.

Wie jetzt.

Während ich nämlich auf diesen Satz auf dem Schildchen von Frau M. gucke, werde ich ein bisschen traurig. Auf diesen Satz, der, vermute ich, deshalb da steht, weil es schon Leute gab, die haben Frau M. Fehler übelgenommen. Oder Frau M. hat bloß Angst, dass das noch passieren könnte. Oder dass jemand drängelt. Oder ungeduldig und Augen verdrehend auf die Uhr guckt. Bestimmt wird Frau M. dann nur noch nervöser und macht noch mehr Fehler.

Frau M. hat Angst und rechtfertigt sich deshalb schon einmal vorab mit einem Schildchen.

Ich denke, wie traurig das ist. Traurig, dass Frau M. sich rechtfertigen muss. Dafür, dass sie noch lernt. Eigentlich sollte sie doch stolz darauf sein können, dass sie noch lernt. Dass sie nicht zu denen gehört, die meinen, man muss nichts mehr lernen, nur weil man nicht mehr zur Schule geht.

Und dann denke ich auch: Müssten wir uns nicht alle solche Schilder ans Revers heften? Oder Kappen, T-Shirts, Banner tragen, auf denen steht: Ich lerne noch. Oder uns große, rot leuchtende As auf den Rücken kleben. Für Anfänger. Denn offenbar ist es notwendig, dass wir uns alle ständig gegenseitig dran erinnern, dass wir nun mal nicht perfekt sind, dass wir, ja, tatsächlich, noch besser werden könnten. Dass wir alle in irgendwas Anfänger sind. Alle noch irgendetwas üben. Selbst dann, wenn wir es uns nicht eingestehen. Wenn wir denken, wir sind fertig.

Aber wer will denn bitte fertig sein?

Kann doch keiner wollen, oder?

Schließlich will man doch auch nicht fertig gemacht werden.

Und schließlich ist es doch schön, dass uns neue Dinge begegnen, wir dazu lernen, wir immer wieder anfangen, wir verblüfft sind und überrascht.

Ja, denke ich, Frau M.s Satz ist wahrhaft weise. Philosophisch gar.

Ist doch wunderbar, will ich Frau M. sagen. Ich bin stolz auf Sie. Machen Sie weiter so. Lassen Sie sich nicht beirren. Sie haben ein Recht darauf zu lernen. Lassen Sie sich auf gar keinen Fall von Leuten drängeln. Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen.

Ich will schon den Mund aufmachen. Hab schon die Worte auf der Zunge.

Da sagt Frau M.: Wird’s langsam? Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit!

Sie steht genervt und ungeduldig die Augen verdrehend hinter der Theke. Oder vielleicht ist es doch ein Schalter. Woher soll ich das wissen.

 

Eure CARLs Schreiberin

Sarah Meyer-Dietrich

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