Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

Sprachliche Nötigung #1: CARLs Co-Schreiber sagt nicht mehr, was er will.

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Im Supermarkt meines Vertrauens sitzt ein Kassierer an der Kasse (was erst mal nicht weiter ungewöhnlich ist). Ich gehe mittlerweile seit vier Jahren dort einkaufen. Der Kassierer kannte meine Freundin schon nach zwei Wochen und brüllt seither ihren Namen quer durch den Supermarkt, wenn er sie zwischen den Regalen erspäht. Ein ähnliches Schicksal teilen viele andere Frauen, die dort regelmäßig einkaufen. Ihre Namen kennt er vom Blick auf die jeweiligen Geldkarten.
Ich vermute, er hat uns in der gesamten Zeit mindestens sechzig Mal zusammen gesehen, tut aber so, als wäre ich nicht existent, obwohl ich direkt daneben stehe und er erkennt mich demnach auch nicht, wenn ich alleine an seiner Kasse auftauche.
Aber was beschwere ich mich? Sobald er nämlich auf die Idee kommt, seine Kunden hätten chinesische Wurzeln, begrüßt er sie dementsprechend, brüllt ihnen „nie hao!“ entgegen. Erstaunlicher Weise reagieren seine Kunden immer höflich: Manche schweigen. Viele sagen: Ich spreche kein chinesisch. Manche sagen tatsächlich: nie hao. Er sagt als nächstes immer (IMMER): Ich habe eine Brieffreundin in SCHINA.
Das alles hat ehrlich gesagt noch nicht viel mit dem eigentlichen Thema dieses Beitrags zu tun, aber ich musste es mir einfach mal von der Seele schreiben. Und ich denke, vielleicht ist es für Euch hilfreich, ein paar Hintergrundinformationen zu meinem Supermarktkassierer zu erfahren. Denn er ist der Mensch, der mich regelmäßig sprachlich nötigt. Und ich lasse ihn immer wieder gewähren. Weil mich das so ärgert, nenne ich ihn ab jetzt in diesem Text Heribert. Das würde ihm nicht gefallen.
Heribert begrüßt jeden seiner Kunden, dem er kein „nie hao“ an der Kasse entgegenschleudert, mit den Worten: „Einen wunderschönen guten Tag!“ Das gefällt mir eigentlich gut. Höflich, freundlich, wertschätzend. Eigentlich. Denn entgegnet man ihm nicht den „Guten Tag“ und sagt stattdessen „Hallo“, weißt Heribert einen auf subtile Art und Weise auf die offensichtlich nicht standesgemäße Begrüßung hin – Heribert sagt dann immer (IMMER): „Oder einen wunderschönen Hallo!“ Dabei guckt er von oben herab über seine Brille. Anfangs sagte ich weiterhin ab und zu Hallo zu ihm, einfach, weil ich das Wort Hallo einigermaßen gerne benutze und ich kenne viele Kassiererinnen und Kassierer die auch gern Hallo sagen und Hallo hören. Irgendwann stellte ich fest, dass ich zu Heribert nur noch „Guten Tag“ sagte. Kein Hallo mehr. Und schlagartig wurde mir klar, warum. Heribert hatte mich sprachlich konditioniert. Sein ständiges „Oder einen wunderschönen Hallo“ hat dazu geführt, dass ich ihm einen guten Tag wünsche. Ausgerechnet ihm! Der mich nun schon seit über eintausend Tagen wie Luft behandelt. Heribert bestimmt, was ich sage. Er steuert meine Worte. Das ist der Gipfel meiner alltäglichen Einkaufsdemütigung.
Ich überlege, wie ich aus der Nummer rauskommen soll. Könnte natürlich weiterhin Hallo sagen, aber dann wird mir klar, dass das nicht mehr geht. Ich bin nicht mehr frei in meiner Entscheidung. Es wäre kein spontanes Hallo mehr. Zwischen Heribert und mir ist keine natürliche Begrüßung mehr möglich.
Also fasse ich folgenden Beschluss: Das nächste Mal, wenn ich an seiner Kasse stehe, werde ich „ni hao!“ sagen.

Auf bald und einen wunderschönen ni hao!

Euer und CARLs Co-Schreiber

Tobias Steinfeld

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