Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

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Schöne Worte #13: Herbstzeitlose

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Letztens schrieb ich an dieser Stelle über Melancholie und versuchte herauszufinden, was das Wort in mir auslöst. Eine facettenreiche Stimmung, die uns oft gerade im Herbst überkommt. Dabei fiel mir sofort ein weiteres schönes Wort ein, worüber ich nachdenken möchte. Herbstzeitlose.

Der Name hat mich fasziniert, seit ich ihn zum ersten Mal hörte.
Und die Pflanze beeindruckt mich, weil sie so zart aussieht und dennoch zäh und mutig sein muss. Sie blüht erst sehr spät im Jahr. Bis in den Oktober hinein, wenn schon Herbststürme und Nachtfröste drohen.
Und sie hat noch weitere gegensätzliche, beeindruckende Eigenschaften.

Doch allein das Wort. Allein der Name. Herbstzeitlose. Es reizt mich auf Anhieb, ihn in seine Bestandteile zu zerlegen. Die Worte neu zusammenzufügen. Mit ihnen zu spielen. Herbst. Zeit. Lose. Herbstzeit. Zeitlose. Herbstlose. Loseherbst. Losezeit. Zeitherbst …
Je nach Kombination klingt immer wieder Neues an, habe ich andere Bilder vor Augen. Den Herbst mit leuchtenden oder neblig-trüben Tagen. Stunden und Ereignisse, die wie aus der Zeit gefallen scheinen. Menschen, die sich loslösen aus Bindungen gemeinsam verbrachter Zeiten. Losverkäufer auf Zeit im herbstlichen Straßenbild …
Was gäbe es da nicht alles an Geschichten zu erfinden?
Und wenn der Wind über eine Wiese mit Herbstzeitlosen weht? Sieht es nicht aus, als wiegten sie sich, als nähmen sie kurz Anlauf und wollten im nächsten Moment auf und davon tanzen? Jetzt aber mal los, es wird Zeit …

Als ich erstmals Herbstzeitlose auf einer Waldwiese sah, glaubte ich, es seien Krokusse, die sich in der Jahreszeit geirrt hatten. Die Pflanzen sehen sich ja in der Form sehr ähnlich. Und auch die violette Farbe von Herbstzeitlosen kommt bei Krokussen häufig vor. Was ich lange nicht wusste: Es gibt sogar echte Herbstkrokusse, also direkte Verwandte der Frühlingsblüher. Das könnte noch leichter zu Verwechslungen und Verwirrung führen.
Aber als eine ihrer Besonderheiten bekommen die Herbstzeitlosen nur im Herbst Blüten, und zwar ganz ohne Blätter. Im Frühling dagegen wachsen ihnen nur Blätter und keine Blüten.

Und die Pflanzen haben noch ein wesentliches Charakteristikum: Sie sind äußerst giftig. Es wird überliefert, dass sie vor allem im Mittelalter häufig für Giftmorde missbraucht wurden. Weshalb sie auch Giftkrokusse genannt werden. Und die Sage, nach der die Hexe und Giftmischerin Medea von Kolchis mit Tropfen ihres Zaubertranks die Herbstzeitlosen zum Sprießen brachte, muss auch durch ihren Giftgehalt entstanden sein. Da überrascht es nicht, dass die Pflanze lauf Lateinisch Colchicum heißt und das Gift Colchizin.

Richtig dosiert, macht es die Herbstzeitlose aber zur Heilpflanze.
Sie kann angeblich gegen Gicht, Rheuma, Neuralgien und Hautkrebs eingesetzt werden. Und in der Homöopathie, in ganz starker Verdünnung also, wird ein Extrakt der Herbstzeitlosen als hilfreich bei vielerlei Beschwerden empfohlen.

Je nachdem, auf welche ihrer unterschiedlichen Eigenschaften das Augenmerk liegt, hat die Pflanze ungewöhnlich viele volkstümliche Namen. Zärtlich poetische wie Wiesenlilie, Herbstvergessene und Winterhauch.
Oder wenig schmeichelnde wie Teufelstabaksbeutel, Leichenblume, Nackte Jungfer oder Hundshoden, um nur einige zu nennen.
Der Arzt und Botaniker Hieronymus Bock (1498-1554) soll die Pflanze besonders drastisch beschrieben haben: Etliche nennen dise blumen nacket huren, dieweil sie on kleider oder on kraut erscheinen.

Josef Guggenmoos (1922-2003) ließ sich auf überraschende Weise von dieser ungewöhnlichen Pflanze inspirieren. Er erzählt in seinem Gedicht Auf dieser Erde skurril und anrührend zugleich von ihr.
Da finden zwei Pferde (!) ausgerechnet unter dem Deckel einer Zuckerdose eine Herbstzeitlose mit angezogenen Knien sitzen. Sie hat sich vor dem Nachtfrost dorthin verkrochen.
Was wohl aus ihr geworden ist?

Die schönsten Herbstzeitlosen in größeren Gruppen sah ich zuletzt auf der Museumsinsel Hombroich.
Zeit, wieder einmal dorthin zu fahren.
Jetzt im Herbst.
Also los.

Herzlich grüßt CARLs Inge

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