Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin
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Wichtige Worte #4: lesen

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Dieses Jahr war ich zum zweiten Mal auf der Frankfurter Buchmesse. Für einen Tag. Zu kurz, um die gewalttätigen Ausschreitungen mitzuerleben (zum Glück), lang genug, um wieder von der schieren Menge an Büchern überwältigt zu werden (auch zum Glück).

Wie schön, dass sich das Buch – allen Unkenrufen zum Trotz – weiter behauptet. Wie schön, dass weiterhin gelesen wird. Nicht nur WhatsApp-Nachrichten, nicht nur Fahrpläne, nicht nur die Leviten.

Lesen, so lese ich im Duden, bedeutet, „einzeln (sorgfältig) in die Hand nehmen und Schlechtes dabei aussondern.“ Bei Aschenputtel heißt es: „… all ihr Vöglein unter dem Himmel, kommt und helft mir lesen: Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen!“ Ja, ja, hier ist nicht gemeint, „etwas Geschriebenes (…) mit den Augen und dem Verstand erfassen“ (so die weitere vom Duden vorgeschlagene Bedeutung des Worts).

Aber sorgfältig sollte in beiden Fällen vorgegangen werden. Wie schnell werden wichtige Dinge überlesen und damit der Sinn eines Textes falsch verstanden? Das kann natürlich auch daran liegen, dass sich ein Text schwierig liest. Moment, der Text liest sich selbst …?
Egal, „lesen“, so erfahre ich bei Wikipedia, kommt aus dem Lateinischen „legere“, das soviel heißt wie „sammeln“, „auswählen“ oder eben „lesen“ (während interessanterweise das englische „to read“ urverwandt mit „raten“ sein soll). Wer liest, sammelt Worte, Geschichten, Wissen. Handverlesen, so kommt es mir manchmal vor, ist die Gruppe derer, die freien Zugang zu Büchern und Bildung haben.

Hier müssen wir gegensteuern. Wie entzückt war ich, als ich zum diesjährigen „Türöffnertag“ der „Sendung mit der Maus“ als Vorleserin auf die Zeche Zollverein eingeladen wurde. Schräg hinter der Lesebandhalle (in der früher von Hand Kohle verlesen wurde) stand mein kleines Zelt. Sollten sich in dem Trubel von rund 7500 Besuchern überhaupt Interessierte hierhin verirren? Waren Experimente rund um die Kohle, Filzwerkstätten, Spiele nicht viel interessanter?

Tatsächlich belagerten mich fast durchgängig von 10 bis 17 Uhr Kinder und Erwachsene. Sie nahmen sich gern Zeit, um etwas vorgelesen zu bekommen. Manchmal drängten die Eltern zum Weitergehen: „Wir wollen doch noch ein Eis essen!“
Doch die Kinder ließen sich nicht drängen: „Ich will das noch zu Ende hören.“
Vorgelesen bekommen macht nämlich Spaß. Wem viel vorgelesen wurde, der kommt auch selbst eher auf die Idee zu lesen. Lesen galt in der Antike als unterstützende Therapieform in der Zeit der Genesung. Und damit war sicher nicht das Lesen der Beipackzettel gemeint. Auch heute wird die „Bibliotherapie“, also die Therapie mit Büchern und Texten insbesondere bei psychischen Problemen von Zeit zu Zeit eingesetzt.

Also meine Bitte: Lest vor! Euren Kindern, euren Partnern, Freunden, Verwandten, zur Not auch euren Haustieren. Es tut allen gut. Den Vorlesern, den Zuhörern, den Texten sowieso. Tut es mit Freude. Und mit Sorgfalt.

Darauf hofft Carls Co-Schreiberin
Anja Kiel

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