Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

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Wortentdeckung #8: Herbst

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Wir haben Herbst.
Herbst kommt nach Sommer. Das ist jedes Jahr so. Aber dieses Jahr trifft es mich unvorbereitet. Weil es mir vorkommt, als wär der Sommer gar nicht richtig da gewesen. Oder er war da, ist aber an mir vorbei gegangen.
Er hätte doch mal Bescheid sagen können. Anklopfen. Hallo, hier bin ich. Dann hätte ich mir doch auch Zeit für ihn genommen.
Jetzt fühle ich mich betrogen vom Sommer. War da und zu schnell wieder weg.
Warte, will ich sagen. Bleib noch. Warst doch kaum da. Musst du denn schon wieder weg?

Aber ich muss an meine Oma denken, die meiner Mutter immer das Gefühl gegeben hat, zu kurz da zu sein. Dabei hat sie die Zeit, in der meine Mutter da war, einfach bloß nicht richtig genutzt. So wie ich. Mit dem Sommer. Ich finde, ich sollte ihn gehen lassen. Ich habe kein Recht, dem Sommer ein schlechtes Gewissen zu machen. Vielleicht ist es auch dumm, ihm ein schlechtes Gewissen machen zu wollen. Vielleicht hat er dann nächstes Jahr keine Lust, hier zu sein.

Also sage ich: Geh ruhig, Sommer. Geh ruhig. Wir sehen uns im nächsten Jahr. Hau rein. Ruh dich gut aus.
Der Sommer antwortet nicht. Er ist ja schon weg. Über alle Berge. Irgendetwas sagt mir, dass er nicht einmal eine Postkarte schreiben wird. Und ich muss mich anfreunden mit dem Herbst. Auch dann, wenn er kalt und nass und grau ist und gar nicht dran denkt, mir ein kleines Leuchten zu schenken.


Ich mag den Herbst ja. Eigentlich. Manchmal. Vielleicht weil ich Oktoberkind bin.
Auch wenn er, wie CARLs Inge schrieb, Melancholie in sich birgt.
Ich mag den Herbst. Wenn er leuchtet und raschelt. Wenn er dämmert und einhüllt.

Aber dieses Jahr weckt er Heimweh in mir. Obwohl ich doch zu Hause bin. Heimweh nach Geborgenheit. Nach draußen ist es schon dunkel, aber drinnen warten behagliches Licht und Kakao. Heimweh nach: Während ich im Bett liege, sitzen die Erwachsenen noch in der Küche. Ich höre sie murmeln. Die Verantwortung sitzt bei ihnen am Küchentisch und trinkt Wein.
Ich interessiere sie noch nicht.
Mich interessiert sie noch nicht.
Da komm ich nie mehr hin zurück. In dieses Bild. In dieses Gefühl. Deshalb Heimweh.

Jetzt guck nicht so, sagt der Herbst. Er klingt ein bisschen müde. Vielleicht ist er es leid, dass er mit so wenig Begeisterung empfangen wird. Er ist der Depp, der beim Festival der Jahreszeiten nach dem Top Act Sommer auftreten muss. Undankbarer Job. Fast tut er mir leid. Der Herbst.

Herbst.
Herbst.
Herbst.
Herr Psst.

Herr Psst ist der dünne Kerl mit der Haut, die aussieht wie Laub.
Der seinen Finger sanft auf die trockenen Lippen legt. Psst. Sagt er. Psst.
Der Sommer ist gerade mit viel Getöse zur Tür raus.
Herr Psst lässt nun ein bisschen Ruhe einkehren.
Chill mal, sagt er, wenn er verwegener drauf ist, und grinst mich frech an. Chill mal.
Er steht auf der Türschwelle. Den kleinen braunen Lederkoffer in der Hand.
Psst, sagt er, als hätte er Angst, dass der Sommer ihn hören und zurückgestürmt kommen könnte.
Herr Psst hockt sich an den Küchentisch. Er setzt eine verheißungsvolle Miene auf. Dann öffnet er den Koffer.
Hab dir was mitgebracht, sagt er.
Und dann holt er ein Wort nach dem anderen aus dem Koffer. Worte, die den Sommer nicht jucken. Worte, die nur Herr Psst zu schätzen weiß.
Behaglichkeit. Schlummern. Ruhe. Melancholie. Einkehr. Heimkehr.
Ich koche ihm Kakao.
Draußen dämmert es langsam. Ich schalte das Licht an. Es wird gemütlich in der Küche. Dann klopft es. Ich mach die Tür auf. Die Verantwortung steht davor und guckt vorwurfsvoll. Sie hängt an mir.
Könnte ich vielleicht auch einen Kakao?, fragt die Verantwortung.
Klar, sage ich. Komm doch rein. Setz dich. Fühl dich wie zu Hause. Sie macht ja auch bloß ihren Job.

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