Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

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Wichtige Worte #3: Menschlichkeit

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Montage sind immer sehr anstrengend, weil ich lange Schule habe. Und dann noch arbeiten? An einem Montag war ein anderer Mitarbeiter nicht da, also bat mich mein Chef, an diesem Tag ausnahmsweise zu arbeiten. Ich kam gerade von der Schule, legte meine Tasche auf die Couch und hätte gern kurz geschlafen, aber, nee, das ging nicht, da ich nur eine halbe Stunde hatte und dann losfahren musste.
 
Draußen regnete es sehr stark, so stark, dass ich vor Angst meine Fenster zumachte. Ich schaute nach draußen. Erinnerungen aus der Kindheit kamen vor meine Augen. Wenn es regnete, durften wir nicht rausgehen. Es gab bei uns immer die Gefahr, dass das Wasser von den Bergen unsere Häuser unter Wasser setzte und sie zerstörte. Während es regnete, kamen ganze Familien in einem Zimmer zusammen. Jetzt stellte ich mir vor, wie ich zu Hause neben meiner Mama sitze und sie meine Haare streichelt.
Man sagt, Männer weinen nicht so einfach. Das stimmt nicht. Manchmal kommen auch uns Männern Tränen in die Augen, selbst wenn wir es nicht wollen.
Für kurze Zeit verlor ich mich in der Vergangenheit, in der Heimat, wo wir alle zusammengelebt hatten, wo das Leben eine Bedeutung hatte.
Dann holte mich der Klang des Donners zurück. Die Tränen kullerten mir über die Wangen. Ich machte mein Gesicht sauber und trank etwas Wasser. Es regnete immer noch, aber nicht so stark wie vorher. Ich machte mich auf den Weg und nahm meinen Regenschirm mit.

Auf dem Weg zur Haltestelle sah ich eine Oma, die in einer Hand einen Stock und in der anderen Hand eine Einkaufstüte hatte. Es regnete noch immer, und es war kalt. Die Oma hatte keinen Regenschirm dabei und trug keine Winterjacke. Alle liefen an ihr vorbei, so, als ob da überhaupt kein Mensch auf dem Weg stand. Keiner guckte sie an. Sie stand im Regen und wartete. Vielleicht hoffte sie, dass jemand käme und ihr hilft. Ich hatte nur noch paar Minuten, bis meine Bahn kam.
Ich sah die Frau, die hilflos alleine stand und der die Regentropfen über das Gesicht liefen.
Hatten alle so Wichtiges vor, dass niemand ihr einen Regenschirm geben konnte, dass niemand
ihre Tasche nahm oder sie fragte, ob sie Hilfe brauchte?
Das Leben ist so geworden, dass jeder nur an sich selbst denkt und die anderen auf der Welt
wertlos erscheinen. Heute haben wir vielleicht alles, was wir brauchen. Aber das wird nicht immer so sein. Wir Menschen brauchen einander.

 Als ich die alte Frau so sah, konnte ich nicht einfach weiterlaufen. Ich ging zu ihr und fragte, wo sie hinwollte. Ihre Wohnung lag zehn Minuten entfernt. Da sagte ich ihr, dass ich auch dahin gehen müsse, obwohl meine Bahn in zwei Minuten kommen sollte. Ich trug der Oma die Tasche und hielt meinen Regenschirm über sie.    
Wir haben uns auf dem Weg unterhalten.

Als ich mich zurück auf den Weg zur Arbeit machte, guckte ich auf die Uhr. Es war zu spät, was würde der Chef sagen? Der würde bestimmt sauer sein, was sollte ich jetzt machen? Egal, ich beschloss, bei der Wahrheit zu bleiben, vielleicht würde er dann nichts sagen.
Aber als ich in den Laden reinging, guckte der Chef mich so an, als ob ich ihm etwas weggenommen hätte. Er schrie mich an und meinte, dass er mich nicht mehr brauche, weil ich zu spät gekommen bin. Dabei muss ich montags eigentlich gar nicht arbeiten und war nur gekommen, weil er meine Hilfe brauchte. Aber er hörte mir nicht zu und sagte, weil ich mich verspätet hatte, wollte er mir kündigen.
Ich erzählte ihm, was passiert war, aber das hat nichts geändert. Sein Herz war härter als die Herzen der Leute, die der alten Frau nicht hatten helfen wollten. Er schrie, dass ihm alles bis auf seine Arbeit egal ist. Er sagte mir, dass die alte Frau allein hätte gehen können und ich ihr nicht hätte helfen sollen. Als ich das hörte, sagte ich ihm, dass mir Menschlichkeit wichtiger als seine Arbeit ist. Ich nahm meinen Regenschirm und verließ den Laden.

Zalmai Ahmadzai

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