Carls Schreiberin

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Schöne Worte #12: Melancholie

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Jetzt gibt es auf CARL nach CARLS Schreiberin, CARLS Co-Schreiber und Co-Schreiberin und nach den jungen Wortklaubern also auch mich, CARLs Inge. Eine Schreiberin, die schon erwachsene Kinder hat. Und Enkelkinder, die nicht mehr ganz klein sind.
Ich bin also alt. Aber genau wie die jungen CARLs SchreiberInnen liebe ich gewisse Worte. Sammle sie seit langer Zeit. Mache mir schon seit meiner Kindheit schreibend Gedanken über Worte und was sie – mir – bedeuten.

Melancholie ist ein solches Wort, das mir in den vergangenen Tagen immer wieder durch den Kopf geht. Melancholie.
Uneindeutig, denke ich.
Wenn ich es leise vor mich hin sage, lausche ich dem Klang nach, und dann blättert es sich mir in seiner ganzen Farbigkeit auf.
Ja, blättert. Denn jetzt im Herbst, wenn bei jedem Windhauch Blätter von den Bäumen wehen, ist sie besonders deutlich zu spüren, die Stimmung, die sich hinter dem Wort Melancholie verbirgt. Und ich käme auch kaum ganz an dieser Stimmung vorbei, selbst wenn ich sie nicht wollte oder sie mir nicht eingestehen wollte.
Aber ich will ja.

Und gerade jetzt möchte ich wieder einmal gründlicher darüber nachdenken, was Melancholie für mich heißt, was sie in mir bewegt.
Nein, Trübsal und Trübsinn treffen nicht, was ich fühle. Für mich setzt die Melancholie sich vielfältig zusammen.
Wenn ich an strahlenden Herbsttagen in den blauen Himmel schaue, vielleicht kleine weiße Wolken entdecke und Bäumen zusehe, deren Äste sich bunt ins Himmelblau recken – seht her, wie schön wir sind -, dann empfinde ich eine tiefe, kindliche Freude.
Und mit jedem Blatt, das durch die Luft taumelt, das unwiderruflich Abschied bedeutet, fühle ich gleichzeitig eine Art von Wehmut, ja eine leise Traurigkeit.

Die üppigen Farben des Sommers beginnen mehr und mehr zu verblassen. Jedes Blatt, das durch die Luft taumelt, sagt mir, dass die heute noch so leuchtend bunten Bäume in nicht allzu langer Zeit kahl in den Himmel ragen werden. Jedes einzelne Blatt kündet von Vergänglichkeit.

Natürlich weiß ich auch zu anderen Jahreszeiten, dass alles, was lebt, vergänglich ist. Weiß ich um Endlichkeit, Verlust und Trauer. Aber in diesen Wochen wird mir Vergänglichkeit tagtäglich vor Augen geführt.
Das löst allerhand in mir aus. Ein Nachdenken über mich selbst. Innere Zwiegespräche mit mir.
Wie sehe ich mich gerade jetzt?
Was möchte ich anfangen mit der mir verbleibenden Zeit?
Was ist mir am wichtigsten, womit bin ich einverstanden oder was will, kann ich ändern?

Und manchmal schleicht sich ganz nebenbei auch ein wenig Furcht vor den kommenden dunklen Monaten in meine Gedanken. Der heimliche Wunsch nach Winterschlaf. Nach einem Aufwachen nicht vor dem ersten Frühlingsgrün.

Aber ich wappne mich.
Sammle angesichts der fallenden Blätter die leuchtenden Bilder sonniger Herbsttage, um sie für zukünftige Dunkelheiten als Seelennahrung zu bewahren. So wie Eichhörnchen Nüsse zum Überleben für den Winter sammeln.

Und ich weiß ja auch: Die Bäume werden nicht einfach nur kahl sein. Nein, auch filigran und auf neue, andere Weise schön zeichnen sie sich im Winter mit ihrem Geäst vom Himmel ab.
Und noch etwas Tröstliches weiß ich genau, nämlich wie wunderbar frisch und in wie vielen Farbnuancen das erste Grün im kommenden Frühjahr mich wieder überraschen wird. Etwas, worauf ich mich den ganzen Winter lang freuen kann. Auf ein Grün, das es so in meiner Kindheit im Ruhrgebiet kaum gegeben hat, weil der Ruß aus den Kokereien das Grün zu schnell in Grau verwandelte.

Ich bin froh, in einer Region der Erde zu leben, in der es Jahreszeiten gibt.
Würde ich mich ohne den langen, oft dunklen Winter so sehr auf den Frühling freuen können? Und hat nicht auch der Winter seine hellen Tage, seine schönen Seiten? Binsenweisheiten.
Dennoch.
Schon läuft ein neuer Gedankenfilm in mir ab …

Ja, ich bin dankbar für meine Melancholie. Lasse mich für eine Weile hineinfallen wie in wehmütige Lieder und Geschichten. Vielleicht, damit ich umso freudiger wieder auftauchen kann.
Wehmütig. Wehmut. Auch so ein uneindeutiges Wort, das ich sehr mag. Auch von vielfältigen Gefühlen besetzt.
Doch darüber vielleicht ein anderes Mal.

Für heute verabschiedet sich mit einem bunten Blatt
eure und CARLs Inge

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