Carls Schreiberin

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Wortentdeckung #7: hellwach und … dunkelwach?

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HELLWACH. Ein Wort, das mich zum Nachdenken gebracht hat. Hellwach ist ja so etwas wie außerordentlich wach. Also wacher als wach. Und, ja, ich muss das im Duden nachgucken, aber wach ist echt steigerbar. Wach, wacher, am wachsten.
Komisch, damit hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte gedacht, es wäre mit wach wie schwanger oder tot. Entweder bist du’s oder nicht. Ist aber nicht so. In unserer Leistungsgesellschaft kann man sogar das Wachsein in den Superlativ treiben?

Ich muss an diese junge Japanerin denken, die mit Anfang 30 an einem Herzanfall gestorben ist. Zu viele Überstunden, zu wenig Schlaf.
Wie viele durchwachte Nächte hält ein Mensch aus, bis er stirbt?

WIR SCHLAFEN NICHT, war der Titel eines Romans über Unternehmensberater, den Kathrin Röggla Anfang des Jahrtausends veröffentlicht hat. Wir schlafen nicht.
Ich hab den Roman gelesen damals, während ich gerade in Frankfurt am Main ein Praktikum in der Marktforschung und jede Menge Überstunden machte.
Ich bin nicht Unternehmensberaterin geworden. Nicht weil Kathrin Röggla mich überzeugt hat, musste sie gar nicht, sondern weil ich Unternehmensberatung immer schon doof fand.
Ich bin auch nicht in die Marktforschung gegangen.
Ich bin in den Kulturbereich gegangen und ich schlafe nicht nicht (Achtung, doppelte Verneinung). Aber wenig.

Ich schlafe nicht. Oder: Ich schlafe wenig. Das klingt wie ein Bekenntnis.
Nicht wie das „Ich KANN nicht schlafen“, das mich als Kind gequält hat.
Nicht wie die INSOMNIA, die mich als Jugendliche bewegte.
Nicht wie die Schlafprobleme, die offenbar viele, viele Deutsche (und nicht nur die) quälen.
Weil sie schlecht einschlafen. Oder schlecht schlafen.
Ja, es gibt offenbar einen qualitativen Unterschied beim Schlafen. Warum also nicht auch beim Wachsein?

Bei HELLWACH geht es weniger um die Quantität als um die Qualität von Wachsein.

Wenn ich als Kind schon Englisch gekonnt hätte, hätte ich mit meiner Schlaflosigkeit – die ich damals noch nicht Insomnia nannte, weil ich die gleichnamige CD von Faithless erst viele Jahre später erwarb – vielleicht mal darüber nachgedacht, dass Wachsein im Sinne von HELLwachsein die Hölle für mich bedeutete.
Wenn ich da lag und wusste: Alle anderen auf der Welt schlafen. Nur ich nicht.
Vielleicht hätte es mich getröstet über Zeitzonen, Nachtdienste und nachtaktive Tiere nachzudenken, daran also, dass es durchaus Menschen gab, die in diesen Momenten nicht schliefen, aber das mit dem Nachdenken ist schwierig, wenn man zugleich unendlich müde und unendlich wach ist.
Zu wach, um jemals wieder einzuschlafen – jemals, ja, Kindheit ist radikal. Zu müde für alles sonst.

Heute schlafe ich meistens schon wenige Minuten nach dem Hinlegen ein. Natürlich schlafe ich manchmal unruhig, träume schlecht, wache wieder auf. Aber dieses Hin- und Herwälzen. Dieses Das-Kissen-umdrehen, weil es zu warm geworden ist und ich nur auf kühlen Kissen einschlafen kann, das kenne ich nicht mehr.

Ich bin viel wach, weil ich mir wenig Schlaf gönne, so viel will ich immer machen, so viel ist zu erledigen. Schlaf scheint mir eine Verschwendung der Lebenszeit. Und dann wieder, in einem Moment, in dem um 6 Uhr der Wecker klingelt und es draußen noch dunkel ist, der größte Luxus. Dabei hab ich mir den wenigen Schlaf ja selbst verordnet. Mein weniges Schlafen ist selbstbestimmt. Und so ist bei mir auch wenig schlafen Luxus. Beziehungsweise: die Entscheidung dafür ist Luxus. Weil sie mir nicht aufgezwungen wird von einem Arbeitgeber oder einer inneren Unruhe, von chronischen Schmerzen oder einem Kind, das nachts weint. Erst recht nicht durch Folter, denn Menschen am Schlafen zu hindern ist auch eine Foltermethode.

Aber zurück zur Differenzierung von WACH: Warum gibt es kein DUNKELwach?
Das könnte doch dieses Dämmern sein. Wenn die Sinne noch nicht so recht bei der Sache sind. Wenn man in die falsche Bahn steigt, weil man nicht richtig da ist.

Und überhaupt: Wie wach sind wir eigentlich im NORMALZUSTAND? Wie wachsam? Im Schnitt blinzeln wir so oft, dass wir selbst im wachen Zustand etwa 5 Prozent mit geschlossenen Augen verbringen. Und selbst wenn die Augen offen sind: Wie viel kriegen wir denn mit von der Welt um uns her? Wann sind wir wirklich da? Mit allen Sinnen ganz hier im Moment und am Ort? Wann also wirklich HELLWACH?

Meistens, so fürchte ich, sind wir einfach bloß wach. Aber das ist immerhin steigerbar.

Eure CARLs Schreiberin

Sarah Meyer-Dietrich

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