Carls Schreiberin

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Schockierende Worte #2: the pure evil

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In Las Vegas tötet ein 64-Jähriger mindestens 59 Menschen und verletzt Hunderte.
Mir fehlen die Worte angesichts dieser Tat. Mir fehlen die Worte.
Donald Trump fehlen sie nicht. Dürfen sie nicht fehlen. Er ist Präsident. Er hat gefälligst etwas zu sagen über ein Massaker, das unsäglich ist.
Donald Trump ergreift das Wort und sagt – unter anderem – diesen Satz:
It was an act of pure evil.

Ich zucke zusammen.
Ich verurteile die Tat doch auch. Obwohl ich manchmal darüber erschrecke, wie wenig mich Schreckensmeldungen dieser Art – seien es Terroranschläge oder Amokläufe – noch schocken. Wie wenig sie mir an manchen Tagen unter die Haut gehen. Meine Haut, die elefantenhautdick geworden zu sein scheint in den letzten Jahren.

It was an act of pure evil.
Ich verurteile auch und zucke doch zusammen.
An act of pure evil.

Ich fand diese Gut-Böse-Dichotomie schon immer furchtbar. Nein, nicht immer. Als Kind hab ich die Welt auch eingeteilt in die Guten und die Bösen. Aber ich bin kein Kind mehr und ich habe Abstand genommen von der Idee einer Welt, die sich in Gut und Böse einteilen lässt. Weil die, die sie benutzen, sich zu Richtern über die Welt aufschwingen. Als ob sie die Gerechtigkeit für sich gepachtet hätten, als ob es nur einen einzigen, einen perfekt geeichten Moralmaßstab gäbe und keine andere, differenziertere Sicht auf die Dinge.

Es ist grauenhaft, was da in Las Vegas passiert ist. Und ich weiß gar nicht, ob ich in diesem Fall überhaupt darüber nachdenken will, ob es eine andere Sicht darauf geben könnte. Eine andere Reaktion als die, das alles zu verurteilen.
Die Schüsse in Las Vegas haben für immer eine Schneise geschlagen in das Leben Hunderter. Ich vermag mir nicht auszumalen, wie das Leben der Verletzten weitergehen wird. Welche Narben sie innerlich wie äußerlich davontragen. Welche Leere in den Leben der Hinterbliebenen zurückbleibt.
Ja, vielleicht muss man diese Tat umgehend verurteilen – auch ohne die Geschichte des Täters zu kennen.
Und erst recht muss ein Präsident das doch sofort verurteilen. Oder nicht? Sag, dass es böse war, und allen ist geholfen.
Hilft es den Toten? Sicher nicht. Hilft es den Verletzten und Hinterbliebenen? Macht es irgendetwas besser? Leichter? Nimmt es den Schmerz? Ist es ein Trost? Ich weiß es nicht. Das liegt außerhalb meiner Urteilskraft. Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, dass ich bei Trumps Worten – wie auch schon bei den Worten anderer Präsidenten und in ähnlich unsäglichen Situationen – gleich an Hollywood denken muss.
An act of evil.
Nein, an act of pure evil.
Das klingt nach Monstern und Dämonen. Nach etwas, das im Dunkeln lauert. Nach einem Es, das in der Kanalisation von Derry darauf wartet zuzuschlagen.
Es klingt nicht nach einem Menschen, der geschossen hat. Nicht nach einem Menschen, der, warum auch immer, die Motive werden vielleicht ungeklärt oder für die allermeisten von uns nicht nachvollziehbar bleiben, auf andere geschossen hat.
Es klingt nach einem Feind, den man mit Waffen bekämpfen kann. Den man bekämpfen und zur Strecke bringen kann.

Das befremdet mich vielleicht an diesem Satz. Dass er so tut, als gäbe es irgendwo das pure Böse, das Böse in Reinform. Wenn wir es nur finden und ausmerzen, ist es weg. Und alles wird gut.
It was an act of pure evil.
Der Satz überspielt den wahren Horror.
Überspielt die Tatsache, dass es Menschen gibt, die ein normales Leben führen. Nicht jenseits von Gut und Böse, sondern irgendwo dazwischen. Menschen, denen niemand eine solche Tat zugetraut hätte. Menschen, die wir nicht begreifen. Die sich plötzlich radikalisieren oder durchdrehen. Die entscheiden, dass sie losgehen und töten werden.
Das wahre Grauen ist nicht das pure Böse. Das wahre Grauen ist doch, dass die Möglichkeit dazu irgendwo in allen Menschen steckt. In dem freundlichen Mann, der neben uns im Bus sitzt, in der sympathischen, unauffälligen Nachbarin, in uns selbst. Die Möglichkeit, dass jeder von uns kaputtgehen und um sich schießen könnte. Das Waffengesetz in den USA vereinfacht die Umsetzung. Aber machen wir uns nichts vor. Wir haben doch gelernt, dass es manchmal schon reicht, eine Axt, ein Messer, eine Machete, ein Auto zu haben, wenn alles im Kopf explodiert.

It was an act of pure evil.
Das Schlimmste für mich an diesem Satz: Er bagatellisiert. Er räumt jede Möglichkeit aus, darüber nachzudenken, dass es Gründe geben könnte, warum Menschen kaputtgehen. Warum es in ihren Köpfen explodiert. Warum sie zu Mördern werden. Die Tat in Las Vegas als an act of pure evil zu bezeichnen, erschwert die Einsicht, dass Ähnliches jederzeit, überall, immer wieder geschehen kann. Sie erspart uns auch, darüber nachzudenken, welchen Beitrag Politik und Gesellschaft leisten könnten, müssten, was sie vielleicht versäumt haben. Und Gesellschaft, das sind doch wir alle, aber … Nein. Hier sind wir. Und dort ist das Böse.
Der Satz räumt jede Möglichkeit aus, darüber nachzudenken, dass es Gründe geben könnte, die zwar nichts rechtfertigen oder beschönigen können, sollen, dürfen. Aber die nicht mit einfachen Dichotomien von Gut und Böse zu bändigen, Gründe, die nicht in der Kanalisation von Derry zu finden sind.

Gut und Böse als simple Dichotomie aus dem eigenen Wortschatz zu verbannen, hilft vielleicht nicht unmittelbar. Genau wie strengere Waffengesetze vielleicht nicht unmittelbar helfen. Aber beides könnte ein Anfang sein, Mr. President.

CARLs Schreiberin
Sarah Meyer-Dietrich

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