Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

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Wortentdeckung #6: Muffen und anderes Getier

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Es gibt Worte, die sucht man gar nicht. Sie laufen einem einfach zu. Neulich zum Beispiel. Als mein Freund einen beruflichen Anruf bekam, noch ehe er überhaupt aus dem Haus und auf dem Weg zur Firma war.

Es ging um Abnahmemengen und Anfertigungen und um … MUFFEN!

Da saßen bei uns im Flur mit einem Mal viele kleine pelzige Tiere. So also, dachte ich, sehen Muffen aus. Ungemein flauschig und fellig. Ich hätte sie mir gern genauer angeguckt. Aber jedes Mal, wenn ich mich einer Muffe näherte, witschte sie quietschend davon.

Was für Schisser, dachte ich kopfschüttelnd und mit einem Mal begriff ich den Ausdruck MUFFENsausen. Muffensausen bedeutet ja Angst haben, und diese Muffen … nun ja … Das passte!

Gleich musste ich auch an MUFF denken. Nicht den Muff, der einem aus dem Keller entgegenschlägt oder aus einem selten bis nie gelüfteten Schlafzimmer. Sondern der Muff, in den man im Winter seine Hände stecken kann, um sie zu wärmen. Altmodisch eigentlich. Früher aus Pelz. Trägt heute keiner mehr, weil Handschuhe viel praktischer sind. Und vielleicht auch, weil Umweltschützer nicht gerne sehen, wie man mit einem solchen, aus getöteten Muffen zusammengenähten, Accessoire durch die Gegend läuft.

Ich hatte als Kind einen Muff. In Kindergartenzeiten. Nicht aus Fell allerdings, sondern aus Plüsch. Ich liebte diesen Muff heiß und innig. Schon wegen des Wortes. Muff. Warm und flauschig klang das. Ich liebte als Kind alles, was flauschig war.

Nein, stimmt nicht. Beziehungsweise: Stimmt doch. Aber ich liebe auch jetzt noch alles, was flauschig ist, denke ich mit Blick auf die kuschelig-flauschige Decke, die über meinen Beinen liegt, während ich jetzt auf der Couch sitze und tippe.

Ist es eigentlich ein Zufall, dass Worte wie flauschig und kuschelig selbst schon so weich und gemütlich klingen, dass man sich hineinfallen lassen will? Bestimmt nicht. Da hat sich jemand was wirklich Schlaues bei gedacht, als er die Worte erfunden hat.

Zurück aber zu den herumsausenden Muffen. Weil ich also keinen von denen zu Gesicht bekommen habe, weil mein Freund zur Arbeit musste und die Muffen, schneller als ich schauen konnten, hinter ihm die Treppe hinuntersausten, schlage ich das Wort jetzt nach.

Gerade bin ich doch froh, dass ich das einfach im Internet machen kann. Also nicht im gedruckten Lexikon nachschlagen muss wie früher. Sonst müsste ich mich ja aus der flauschigen Decke herausschälen. Ich schlage also Muffe nach. Und siehe da: „Eine Muffe ist ein Bauelement zur unterbrechungsfreien Verbindung zweier Rohre oder Kabel und das Gegenstück zum Nippel.“

Kein Wunder, dass Muffen sich dauernd aus dem Staub machen, denke ich. Nicht nur, dass aus ihnen Muffs hergestellt werden. Ich hätte auch keine Lust, so einen Job machen zu müssen. Rohre zusammenhalten. Ts ts ts.

Als ich dann weiter in den Produktkatalog eines Muffenherstellers – müsste das nicht Muffenzüchter heißen, denke ich noch – blättere, folgt die Entzauberung. Völlig felllose (ja, drei L!), unflauschige, kühle, glatte Metallteile. Das sollen Muffen sein? Ich fühle mich betrogen. Hereingelegt von einem Wort, das Flauschigkeit versprach. Wer kommt denn bitteschön auf die irrsinnige Idee, so ein Metallteil Muffe zu nennen?

Noch schlimmer steht es um das Muffensausen. Muffe ist hier der Schließmuskel im Darm, der … Mehr mag ich dazu eigentlich nicht schreiben.

Und dann fällt mir plötzlich noch etwas ein. Dieser Moment im Möbelhaus. Als der furztrockene Verkäufer uns unsere Küche zusammenstellte.
„RIPPENMUFFEL?“, fragte ich mit Blick auf seinen Bildschirm. Ich sah sie schon vor mir, diese flauschigen, wenn auch etwas schlecht gelaunten Tierchen, die …
Aber ich muss Sie enttäuschen. Rippenmuffel sind diese Wände im Backofen, in die man einen Backofenrost schieben kann.

Es gibt Momente, da ist die Welt mit einem Mal voll von allerlei flauschigem Getier.

Und es gibt Momente, da erstarrt dieses Getier zu leblosem Metall.

In solchen Momente ziehe ich mir die flauschige Decke über den Kopf und überlege, den Rest des Herbstes auf der Couch sitzen zu bleiben. Ich muss mir für diesen Winter unbedingt wieder einen Muff zulegen.

 

Eure CARLs Schreiberin

Sarah Meyer-Dietrich

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