Carls Schreiberin

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Écriture automatique #1: die Poesie der Maschinen

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Écriture automatique, auch automatisches Schreiben, bezeichnet eine Methode des Schreibens, bei der Bilder, Gefühle und Ausdrücke (möglichst) unzensiert und ohne Eingreifen des kritischen Ichs wiedergegeben werden sollen. Sagt Wikipedia. Wenn Wikipedia das sagt, muss es stimmen. Wikipedia weiß alles. Wikipedia hat immer recht.

Die Zeiten, in denen ich Dinge im ich-weiß-nicht-wie-viel-bändigen Brockhaus nachgeschlagen habe, sind lange, lange vorbei. Manchmal denke ich wehmütig daran zurück. Wie ich als Kind einen der schweren Bände aus dem Regal zog und für jeden Querverweis einen neuen Band zur Hilfe holen musste.

Wie viel leichter (nicht nur gewichtstechnisch gesehen) ist es geworden, sich durch die Hyperlinks zu klicken. Leichter. Und ein bisschen langweiliger.

Die Welt hat ein bisschen Geheimnis verloren, seid es Wikipedia gibt und – noch wichtiger: Suchmaschinen. Sogar im Korsika-Urlaub habe ich – Roaming macht es möglich – dauernd gegoogelt, was ich wissen wollte: die Übersetzung der französischen Speisekarte, wo mein Schulfranzösisch nicht reichte, den Grund dafür, dass zahlreiche Straßenschilder zerschossen oder Ortsnamen durchgestrichen waren, den Standort des nächsten Geldautomaten.

Ist googeln eigentlich als Verb mittlerweile in den Duden aufgenommen worden? Ich würde es im Duden (online!) nachschauen, aber im Regionalexpress ist der Empfang schlecht.

Jedenfalls:
Was habe ich wohl alles verpasst, weil ich googeln konnte?
Was hätte ich erleben können auf der Suche nach einem Geldautomaten?
Was hätte ich für Überraschungsgerichte bestellen und wunderbare Geschichten über zerschossene Straßenschilder erfinden können?
Seit Wikipedia und Google alles besser wissen, ist die Welt kleiner geworden.

Aber … Ich wollte ja über die Écriture automatique schreiben – stattdessen habe ich wieder bloß die Methodik selbst angewandt, nämlich: Drauflosschreiben ohne drüber nachzudenken.

Eine neuere Form der Écriture automatique ist übrigens das Erstellen von Literatur durch Computerprogramme. Und darauf wollte ich schon eher hinaus. Nämlich darauf, dass wir uns auch beim Schreiben immer mehr auf unsere digitalen Freunde verlassen. Worterkennung und Autokorrektur auf Computern, Tablets, Smartphones – immer mehr gewöhnen wir uns daran.

Ich beobachte eine zunehmende Auseinander Schreibung (sic!) von zusammengesetzten Substantiven bei Whatsapp und Facebook. Obwohl zusammengesetzte Substantive – Duisburg Hbf, duden.de ist wieder verfügbar – doch im Deutschen zusammengeschrieben werden. In einem Wort. Oder mit Bindestrich.

(Ja, stimmt, ich gehöre zu den Menschen, die beim Gucken einschlägiger Trash-TV-Shows (zusammengesetztes Substantiv mit Bindestrich) Grammatikfehler (zusammengesetztes Substantiv ohne Bindestrich) laut korrigieren.)

Und ich habe eine Theorie. Eine Theorie, warum bei Whatsapp und Facebook zusammengesetzte Substantive zunehmend getrennt geschrieben werden: Weil Worterkennung und ähnliche Rechtschreibhilfen einfach nicht klarkommen mit derart komplexen Wortgebilden wie zusammengesetzten Substantiven.

Und ich habe eine Befürchtung. Nämlich, dass diese schöne deutsche Spezialität von Substantivzusammensetzungen zu beliebig lange Unendlichkeitswortgewaltgebilden aussterben wird, weil die Maschinen damit überfordert sind.

Da stirbt ein bisschen Poesie. Finde ich.

Und dann wiederum belehren mich diese digitalen Hilfen manchmal eines Besseren. Neulich zum Beispiel. Da wollte ich das Wort Mülltrennsystem in einem Text benutzen. Ein zusammengesetztes Substantiv. Allein, ich war unschlüssig, ob ich es mit oder ohne Bindestrich schreiben sollte.

Mülltrenn-System?
Mülltrennsystem?

Kein Problem. Smartphone zur Hand. Duden.de aufgerufen. Eingegeben: Mülltrennsystem.

Das Ergebnis:
Leider haben wir zu Ihrer Suche nach Mülltrennsystem keine Treffer gefunden.
Oder meinten Sie Milchstraßensystem?

Beschämt saß ich da. Auf der Suche nach etwas so Banalem wie dem Mülltrennsystem bot der Duden mir das Milchstraßensystem als Alternative an. Vielleicht sollte ich aufhören zu schreiben. Vielleicht sollte ich das Schreiben den Maschinen überlassen. Vielleicht gewinnt die Welt dann etwas Poesie zurück.

Eure CARLs Schreiberin

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