Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

Lästige Worte #1 Befangenheit. Oder: Ein neues Buch von Carls Schreiberin

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Carls Schreiberin Sarah Meyer-Dietrich hat einen Roman geschrieben. Er heißt „Ruhrpottkind“ und ist – wenn ihr mich fragt – lustig, spannend, traurig, schön.

Aber wer fragt mich? Ich war bei der Entstehung von „Ruhrpottkind“ immer mal wieder dabei. Habe erste Texte gehört, noch ehe klar war, dass sie in den Roman einfließen würden. Habe als Testleserin fungiert. Ein bisschen lektoriert. Sogar beim Cover-Shooting war ich anwesend. Ich bin für diesen Blog Sarahs Co-Schreiberin und im sonstigen Leben ihre Schwester. Ich bin also befangen.

Bei Wikipedia lese ich: „Mit Befangenheit wird der Zustand eingeschränkten (das heißt nicht unabhängigen) Urteilsvermögens einer Person aufgrund einer im Speziellen vorliegenden persönlichen Motiv- oder Sachlage oder eingeschränkten Urteilsvermögens auf Grund von einseitig bewerteter, das heißt nicht in ausgewogenem Verhältnis vorliegenden Informationen bezeichnet.“
Vor Gericht werden Richter wegen Befangenheit abgelehnt.

Mein Urteil in Bezug auf „Ruhrpottkind“ ist aufgrund jeder Menge persönlicher Motiv- und Sachlagen eingeschränkt. Darf ich also nicht darüber urteilen? Würde ich zu positiv urteilen, weil ich Sarah mag?
Aber findet man denn automatisch alles gut, was Kollegen, Freunde, Familienmitglieder so machen? Ich glaube nicht. Ich glaube, dass man manchmal sogar überkritisch darauf blickt.
Würde ich einen Verriss über „Ruhrpottkind“ schreiben, wenn ich es nicht mögen würde? Nein. Aber nicht (nur) deshalb, weil mir Carls Schreiberin nahe steht. Sondern weil ich grundsätzlich nicht gerne Verrisse schreibe. Das mag inkonsequent sein, doch ich weiß, dass es zum Beispiel auch jede Menge Buchblogger gibt, die nur über die Bücher schreiben, die ihnen gefallen haben.

„Ruhrpottkind“ gefällt mir. Sogar sehr. Ich mag die Sprachspielereien. Ich mag die aberwitzigen Aktionen, die Jenni und ihre Schwester unternehmen. Ich mag die Art, wie Jennis Familie trotz aller Widrigkeiten durchs Leben geht. Aber ich bin befangen. Meine Hände sind gebunden. Mein Mund ist versiegelt. Daher würde Sarah mich auch nie bitten, eine Rezension über „Ruhrpottkind“ zu schreiben. Meine Meinung darf ich aber sagen. Meinungen sind immer persönlich. Und meine Meinung lautet: Es ist definitiv kein Fehler, „Ruhrpottkind“ zu lesen. Auch wenn man die Autorin nicht persönlich kennt.

Carls Co-Schreiberin
Anja Kiel

(Worum es in „Ruhrpottkind“ überhaupt geht? Hier der Klappentext:
Eine Familie im Ruhrpott Ende der 80er Jahre. Im Mittelpunkt Jenni und ihre kleine Schwester Jana, die zwischen Alf und C 64 groß werden. Die Mutter dauernd überfordert, der Vater längst von der Bildfläche verschwunden, aber zum Glück gibt es noch Oma. Und zur Not kann Jenni verschwinden: mit Donald Duck nach Timbuktu oder mit Huckleberry Hawke im Airwolf in die Wüste. Und dann ist da noch Jennis unvergleichlich lakonische Art, dem Leben zu begegnen. Aber was hilft das alles, wenn Oma krank wird, Mama sich wünscht, tot zu sein, oder Jana plötzlich verschwindet?

Sarah Meyer-Dietrich: Ruhrpottkind, 2017 Verlag Henselowsky Boschmann, 9,90 Euro)

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