Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

Wichtige Worte #1: Meinung

| 2 Kommentare

Ich sehe sie schon, noch bevor ich einen Parkplatz gefunden habe. Auf einem Zaun rund um die große Baustelle am Holsterhauser Platz in Essen prangen Porträtfotos mit Sätzen wie „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“, „Benutzt euer Hirn! Kost nix“ oder „Recht auf Freiheit“.
Hier hat niemand anonym seine Meinung aufgesprüht. Ganz offiziell erlaubte die Allbau GmbH, Fotos des Projekts „Mein Gesicht: meine Meinung“ auf ihrem Bauzaun zu präsentieren. Weil der Essener Firma die Demokratie und damit die Meinungsfreiheit wichtig ist, wie Geschäftsführer Dirk Miklikowski auf der Pressekonferenz betont, an der ich als Carls Co-Schreiberin teilnehme.

Das Projekt selbst – eine Zusammenarbeit zwischen dem Jugendamt Essen und der Zeche Carl. Entstanden aus dem Bedürfnis, ein Gegengewicht zu den oft anonymen Hasspostings auf Facebook, Twitter und Co. zu setzen. Auf Veranstaltungen wie dem Weltflüchtlingstag (Wortklauberin Weronika Kapala berichtete) oder der Extraschicht wurden Besucher um Meinungsäußerung gebeten. Schulen konnten im Rahmen von Projekttagen das Fototeam einladen, um ihre Schüler zu animieren: „Sag doch mal deine Meinung!“

Das klingt so einfach. Aber was ist überhaupt eine Meinung?
Der Duden erklärt: Eine Meinung ist eine „persönliche Ansicht, Überzeugung, Einstellung o. Ä., die jemand in Bezug auf jemanden, etwas hat (und die sein Urteil bestimmt).“
Die Meinung, ein wichtiger Begriff, der übrigens auch zum Wortschatz für das Zertifikat Deutsch gehört.

Auf der Pressekonferenz unterhalte ich mich bei Currywurst und Mineralwasser mit den beiden Fotografen Cathy und Mihael. Fiel es schwer, Menschen zum Äußern ihrer Meinung zu bewegen? Cathy erzählt: „Kindern muss man genauer erklären, was eine Meinung überhaupt ist. Sie wollen auf jeden Fall irgend etwas aufschreiben. Und wenn es die eigene Telefonnummer ist.“
Mihael ergänzt: „Die Erwachsenen machen dagegen schnell einen Rückzieher, wenn es heißt, die Fotos mit den Meinungen werden öffentlich gezeigt.“*

Peter Renzel, Beigeordneter für die Fachbereiche Jugend, Bildung, Gesundheit und Soziales der Stadt Essen hat keine Scheu. Nach seiner Ansprache steuert er zielstrebig das improvisierte Open-Air-„Fotostudio“ am Rand der Baustelle an: Ein schwarz bespannter Hintergrund, eine Glasscheibe zum Beschriften, dicke Glasschreiber und ein Fotoapparat mit Stativ warten auf Menschen mit Statements. Renzels Spruch lautet: „Demokratie – Vielfalt statt Einfalt“.

Ich komme ins Grübeln. Welche Meinung würde ich auf mein Foto schreiben? Würde ich mich überhaupt mit meiner Meinung ablichten lassen? Und ich merke, dass ich Schwierigkeiten habe, eine Meinung auf einen Satz zu beschränken. Und Hemmungen, mich mit so einem Satz fotografieren zu lassen. Ist das feige? Vielleicht.
Vielleicht ist es mit der Meinung aber wirklich nicht so einfach. Meinungen lassen sich nicht auf einen simplen Satz reduzieren. Sie brauchen einen Bezug. Sie müssen erklärt werden. Dafür ist es wichtig, mit Sprache umgehen zu können. Diskutieren zu können. Hinterfragen zu dürfen.
Dafür setze ich mich ein. Zum Beispiel mit meinem Engagement in der Leseförderung, in Schreibprojekten mit Jugendlichen, in der Projektgruppe „Im Anfang war das Wort“ der Zeche Carl. Zu Letzterem gehört „Mein Gesicht: meine Meinung“. Ich beschließe, mich nicht fotografieren zu lassen. Aber ich finde es gut, dass solche Projekte zum Nachdenken und Diskutieren anregen. Ich finde es gut, (nicht nur) den Nachwuchs zu motivieren, eigene Meinungen zu entwickeln.

Drei Tage später. Deutschland hat gewählt. Die AfD ist die drittstärkste Partei im Bundestag geworden. 60 Prozent ihrer Wähler haben sich laut Umfragen aus Enttäuschung über die aktuelle Politik dafür entschieden. Nicht aus Überzeugung. Nicht, weil die Forderungen der AfD zwangsläufig ihrer Meinung entsprechen. Das ist alarmierend. Demokratie, Meinungsfreiheit, Denken – eine Baustelle. Lasst uns weiter daran arbeiten. Nicht nur auf der Baustelle am Holsterhauser Platz.

Das meint eure und Carls Co-Schreiberin
Anja Kiel

*Vor der Veröffentlichung der Bilder muss von den Dargestellten eine Einverständniserklärung unterschrieben werden. Für Kinder unterschreiben zusätzlich die Erziehungsberechtigten. Ohne Einwilligung dürfen die Bilder nicht veröffentlicht werden.

2 Kommentare

  1. Pingback: Wichtige Worte #1b: eine Meinung zum Thema Meinung |

  2. Pingback: Wichtige Worte #2: RUHR-OMRÅDET |

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.