Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

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Wortentdeckung #5: UM

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Ich. Neulich. Mit meiner chinesischen Sprachschülerin – nennen wir sie M. – mit der ich deutsche Bücher lese, damit sie Deutsch lernt.
M. übersetzt die deutschen Sätze ins Englische. Ich korrigiere, erkläre und ergänze.
Während ich noch einem Wort aus dem letzten Satz nachhänge, beginnt M. bereits den nächsten Satz zu übersetzen:
They walked around their lives.

Ich stutze.
They walked around their lives?

Ich stutze. Und lache. Als ich begreife, was M. da übersetzt hat.
Sie liefen um ihr Leben.

Dieses kleine Wort UM. Zwei Buchstaben und trotzdem Raum für gleich mehrere Bedeutungen.
Ganz davon ab, dass laufen sowohl gemächlich langsam als auch im Sinne von rennen eingesetzt werden kann, stellt dieses kleine UM den Satz einfach mal auf den Kopf. Verdreht ihn. Und macht einen ganz neuen Satz daraus.

Da sind sie also und laufen um ihr Leben herum. Schauen es sich vielleicht noch einmal genauer an. Treten womöglich einen Schritt zurück, um zu begutachten, was sie da so bisher hingekriegt haben. Manchmal muss das ja sein. Innehalten. Und einfach mal so ums Leben rumlaufen. Guck, das da ist doch schön geworden. Aber das da? Nee, das muss weg.

Aber vielleicht auch: Sie laufen um ihr Leben herum, weil sie den Eingang suchen? Suchen und nicht finden? Keine Tür, kein Fenster, irgendwo muss es doch einen Einstieg geben … Verzweifelt klingt das. Am eigenen Leben vorbei und irgendwie nicht ankommen.

Oder vielleicht auch spielerisch. Die Reise nach Jerusalem. Alle ums Leben rum. Und wer keinen Platz kriegt, wenn die Musik aus ist. Na ja, der ist raus aus dem Spiel. Was, bei näherer Betrachtung, auch schon wieder dramatisch klingt.

Und während dieses kleine UM mich ganz aus der Fassung bringt, übersetzt M. weiter. Übersetzt. Und findet Ebenen in meiner Muttersprache, von denen hab ich keine Ahnung gehabt.

Denn auch um die eigene Sprache neu zu entdecken, muss man eben manchmal einen Schritt zurücktreten. Abstand nehmen. Und um die Worte und Sätze herumgehen. Dann öffnen sich Fenster und Türen, von denen man gar nicht geahnt hätte, dass es sie gibt. Dann öffnen sich die geheimen Hintertüren der Sprache …

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