Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

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Wortentdeckung #3 // Sommergeschichten #4: erfahren

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CARLs Co-Schreiber berichtet, was er auf seiner Radtour erlebt hat. Erfahren hat, könnte man sagen. Und kaum habe ich das Wort gedacht, kommt in meinem Kopf etwas in Fahrt. Eher bergab als bergauf. Bei bergab denken ja alle, dass es jetzt richtig mies wird, aber manchmal wird es auch bloß einfach. Wenn nach einer mühsamen Bergauffahrt eine entspannte, rasante Abfahrt folgt zum Beispiel. Wie man wieder bremst, ist allerdings eine andere Frage.

Abfahren ist auch ein Wort, über das man nachdenken kann. Ich fahr auf dich ab. Könnte heißen, jemand benutzt mich als Abfahrtsrampe und kann mir also, wörtlich genommen, den Buckel herunterrutschen. Ist aber nicht so. Ich fahr auf dich ab. Ein Satz, der ganz schön überfahren kann. Aus dem Nichts angeschossen kommen, den Zebrastreifen missachten, BÄÄM, und dann am besten noch Fahrerflucht.

Aber ich wollte ja über erfahren nachdenken.

Ich könnte nachschlagen, wo das Wort herkommt. Aber vielleicht wollen Wörter ja nicht dauernd gefragt werden, wo sie herkommen. Vielleicht haben sie einfach keinen Bock, immer wieder nach ihrem Migrationshintergrund gefragt zu werden.

Mir ist der Migrationshinterhrund von erfahren also grad mal schnuppe. Ich freu mich einfach bloß. Weil Erfahrung, genauer betrachtet, nach Abenteuer klingt. Mit Jacques Kerouac on the road: in Güterzügen, Greyhound-Bussen und auf Lkw-Pritschen. Mit Odysseus auf Irrfahrt über die Weltmeere. Was haben die alles erfahren. Über die Welt und sich selbst. Erfahren im allerbesten Wortsinne.

Und ich? Hätte vorletztes Wochenende im Bett liegen bleiben können. Vor allem, weil das Wetter Samstag alles andere als schön war. Es war am Schütten, wie man im Pott so sagt. Das ideale Wetter, um sich die Decke über den Kopf zu ziehen und … Der Wecker klingelte. Um sechs Uhr! An einem Samstagmorgen! Mit Regen draußen! Und zwar klingelte er, weil mein Freund und ich an einen Sommer geglaubt hatten und daran, dass eine Hausbootfahrt durch Brandenburg etwas Romantisches sei.

Aber alles, was ich am Samstagmorgen, mit Decke über dem Kopf, denken konnte, war: Falls ich nachts mal muss, muss ich aus dem Boot klettern und quer durch den Hafen und wenn ich zurück ins Boot klettern will, falle ich im Dunkeln ins Wasser.
Nachdem ich die Decke über dem Kopf weggezogen hatte, sah die Welt schon etwas anders aus und ich dachte: Falls ich nachts mal muss, muss ich in Regenjacke und mit Gummistiefeln aus dem Boot klettern und mit einem Regenschirm quer durch den Hafen laufen und wenn ich wieder zurück ins Boot klettere, bin ich auf jeden Fall nass, egal ob ich ins Wasser falle oder nicht.

Wir sind trotzdem gefahren. Reisende soll man nicht aufhalten, auch wenn der Reisende gerade zufällig man selbst in einem so gemütlichen, so warmen, so trockenen Bett ist.

Folgende Erfahrungen habe ich gemacht:
1) Ja, ein Sommer in Deutschland ist möglich. Vielleicht, wenn man nur fest genug daran glaubt. Jedenfalls hatte ich sogar einen kleinen Sonnenbrand.
2) Das Havelland ist eine Reise wert. Das Ruhrgebiet ist auch schön grün, das ist wahr, aber ein kleiner Flussgebietswechsel ab und an kann nicht schaden.
3) Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen Zelten und Hausbootfahren. Beim Hausbootfahren nimmt man die sanitären Anlagen, das beengte Schlafen und die Mücken in Kauf, weil man mit Unterwegssein belohnt wird. Was die Belohnung beim Zelten sein soll, ist mir schleierhaft.
4) Hausbootfahren IST romantisch. Und ein bisschen abenteuerlich. Selbst Miracoli schmeckt auf einem Boot und wahrscheinlich hätte ich ausnahmsweise sogar die Ravioli geschmocht, aber wir haben den Dosenöffner vergessen. Keine Ahnung, wie ich das mit der Romantik gesehen hätte, wenn der Sommer sich nicht entschieden hätte, hereinzuschneien, pardon, hereinzuscheinen.
5) Ausländerfeindlichkeit ist wirklich wieder salonfähig. Ich habe in den kleinen Orten an der Havel Menschen getroffen, die so freimütig und nebenbei rassistisch waren, dass mir die Worte fehlten. Da kann man froh sein, bloß neugierig gefragt zu werden, wo man denn herkomme. Wie gern würde ich solchen Menschen ein Ticket in die Hand drücken und sagen: Hier, erfahre die Welt. Lass dir erzählen, wie es sich anfühlt, wenn die Sonne nicht für dich scheint. Und dann reden wir weiter.

Eure CARLs Schreiberin

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