Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

Ein offenes Wort #2: Weil alle über Strukturwandel reden

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Ich habe mal eine Frage an euch: Welches Bild habt ihr vor Augen, wenn ihr an Strukturwandel denkt?
Also, wenn ich an Strukturwandel denke, kommt mir immer das Bild des Ruhrgebiets in den Sinn. Ich denke daran, wie es aussah, als es noch eine Montanregion war, und Kohlestaub und rauchende Öfen das Gebiet zeichneten. Der Strukturwandel änderte nahezu alles in der Region. Die Fabrikanlagen wurden zu Kulturzentren, wie hier die Zeche Carl, oder zu Museen wie die Zeche Zollverein. Dass es bei einem Strukturwandel aber immer zwei Seiten gibt, habe ich im Rahmen einer Facharbeit, welche ich als Ersatz für meine Geschichtsklausur angefertigt habe, herausgefunden. Denn so gut dieser Strukturwandel auch zu verlaufen scheint, bringt er auch ganz klare Verlierer hervor.

Ich sehe ganz deutlich, wer die Verlierer des Strukturwandels sind: die Arbeiter in den Bergwerken und in den Industrieanlagen.
Es fehlte ihnen an Allgemeinbildung, da der Stellenwert der Bildung erst nach der Kohlekrise ausgebaut wurde. Vorher schien die schlichtweg nicht nötig, da mussten die Arbeiter nur das mindeste an Bildung haben, um in den Zechen zu arbeiten zu können.
Durch das Zechensterben und den Abbau der Arbeitsplätze im Industriebereich verloren weit über 60 Prozent der Arbeiter im Bereich der Industrie ihre Jobs mit kaum Chancen auf andere Stellen.

Für meinen Vater begann mit dem Ende der Zeche, in der er arbeitete, eine sehr lange und harte Zeit bei einer Leiharbeitsfirma. Er war in der Zeche zum Schlosser ausgebildet worden und woanders konnte er kaum hin. Durch die Leiharbeitsfirma wurde er immer dorthin vermittelt, wo gerade Hilfe benötigt wurde, und wo er seinen Fähigkeiten entsprechend auch helfen konnte.
Doch Leiharbeitsfirmen sind wirklich schlimm für die Arbeiter, die sie vermitteln. Sie bekommen geringeren Lohn und stehen nicht unter dem Schutz der Gewerkschaft der jeweiligen Unternehmen. Somit bedeutete diese Firma Jahre der Unsicherheit für meinen Vater, aber auch für viele weitere Arbeiter.

Man kann also nicht eindeutig sagen, dass der Strukturwandel nur Positives für das Ruhrgebiet zu gebracht hat. Auch einige Zechen wurden nicht umgebaut oder umfunktioniert, sondern verfallen einfach oder es wird nur das Nötigste getan, damit sie stehen bleiben.
Es ist traurig zu wissen, dass Teile der Geschichte entweder verfallen oder sogar abgerissen werden. Natürlich werden fast immer nur Bilder wie die der Zeche Zollverein gezeigt, wo man sieht, wie positiv der Strukturwandel war.
Es lässt sich immer leicht über die „kleinen Macken“ hinwegsehen, aber man sollte diese im Hinterkopf behalten, wenn man über den Strukturwandel nachdenkt.

Ich möchte hier den Strukturwandel nicht schlechter reden als er war.
Ich möchte lediglich sagen, dass ihr beachten sollt, dass es eine andere Seite gibt und ihr diese mit in Betracht ziehen solltet, wenn ihr urteilt.

Leon Schuster

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