Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

Du verstehst mich einfach nicht.

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Genau, ich verSTEHE nämlich hier und du verSTEHST woanders. Nicht auf meiner Seite jedenfalls, der Seite von der ich auf die Welt schaue. Vielleicht stehen wir uns ja gegenüber, doch selbst dann ist für dich links, wo für mich rechts ist und umgekehrt. Oben und unten stimmen vielleicht gerade noch.
Die Worte, die ich zu dir sage, kommen bei dir an, schließlich sprechen wir von Geburt an die selbe Sprache. Aber was diese Worte mir bedeuten, das weißt du nicht.

Vielleicht ist Verstehen ja auch ein Gefühl. Oder doch eher so was wie ein Abbild der subjektiven Realität des anderen? Manchmal verstehen große Brüder (oder große Mitbewohner) nicht, wenn ich „AUA!!“ rufe, weil sie mir auf den Arm geboxt haben. „Och das war doch gar nicht so doll, mach du mal bei mir!“, heißt es dann. „So fest du kannst!“ Ich will sagen, dass es nicht dasselbe ist – ich habe einfach mal halb so viele Muskeln und auch eigentlich halb so viel Arm wie der ruppige Typ.
Wer weiß: Vielleicht wurde ich ja auch schon mal halb ungläubig, halb spöttisch angeschaut, als ich kurz davor war, in Tränen auszubrechen. Und das, weil nach drei Staffeln meiner Lieblingsserie plötzlich die von mir verehrte Figur einen fiktiven Tod starb. Ich hätte erklärt, dass ich gefühlt so viel Zeit mit dieser ausgedachten Person verbracht habe, dass es mir fast vorkam, als wären wir Freunde. Aber ich weiß am Ende, dass ich mein Gefühl gar nicht erklären kann, denn das bedeutet wieder den Konflikt „rational“ versus „emotional“ heraufzubeschwören.
Doch möglicherweise hast du schon genau verstanden, wie mein Ausruf gemeint war. Möglicherweise hat dir ja auch mal jemand auf den Arm geboxt und es hat sich kurz so angefühlt, als würde er abfallen – es muss dir nur mal wieder einfallen. Und vielleicht erinnere ich dich besser nicht an die Fortsetzung von Star Wars und den geliebten Han Solo. Nicht, dass dir wieder ein Sandkorn im Auge landet. Oder in beiden. Denn dann ist Verstehen nicht nur das Auffassen bloßer Worte oder Satzgefüge. Dann ist Verstehen Empathie und du weißt, wie es mir geht, weil du weißt, wie es dir mal ging. Du stehst vielleicht immer noch nicht auf meiner Position, aber wir gehen mal ein Stück zusammen.

Laila Gulaif

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