Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

Schockierende Worte #1 – totgerupft

| Keine Kommentare

Vor einiger Zeit erreichte mich der Geburtstagswunschzettel eines Freundes in Form einer Whatsapp-Nachricht. Da ich so etwas nicht alle Tage bekomme, begann ich sofort neugierig die Lektüre. Der erste Wunsch hatte es bereits in sich. Da stand: „Bettdecke aus Daunen, 2,20 m, rotgetupft, Bio, aus Deutschland.“
Ich las weiter und als ich fertig war, begann ich wieder von vorne: „Bettdecke aus Daunen, 2,20 m, …“ Ich erschrak. Da, wo ich eben noch „rotgetupft“ gelesen hatte, stand nun ein anderes Wort. Ein Wort, das ich, glaube ich, noch nie gelesen oder gehört hatte und gesagt, hatte ich es ganz sicher noch nie. Da stand „totgerupft“. Mich überkam ein kalter Schauer. Beim ersten Lesen war es meinem Hirn offensichtlich gelungen, mein sanftes Gemüt durch Vortäuschung falscher Tatsachen zu schonen. Es wollte mich in Watte packen oder – um im Bilde zu bleiben – in eine flauschige Daunendecke hüllen.
Ich hatte schlichtweg t und r vetauscht, ein Buchstabendreher, der vor meinem inneren Auge das Bild einer mollig warmen Daunendecke, eingepackt in rotgetupfte Bettwäsche, entstehen ließ. Wie in einem Bilderbuch aus Kindertagen. Und jetzt das: Totgerupft. Das klingt schlimm. Liest sich auch so. Auf den ersten Blick viel schlimmer als lebendgerupft, obwohl totgerupft tatsächlich viel besser ist. Denn totgerupft meint nicht, dass ein wehrloses Tier zu Tode gerupft wird, sondern, dass ein wehrloses Tier gerupft wird, wenn es tot ist.
Auch wenn das jetzt kein schöner Gedanke ist: Das Wort lebendgerupft weckte rotgetupfte Assoziationen in mir. Die Vorstellung von nackten, blutüberströmten Gänsen hat sicher nichts mehr mit Bilderbüchern aus Kindertagen zu tun. Nicht mal Wihlhelm Busch, der in seinen Geschichten vor kaum einer Grausamkeit zurückschreckte, wäre auf die Idee gekommen, Witwe Bolte ihr „liebes Federvieh“ bei lebendigem Leibe rupfen zu lassen. Witwe Bolte rupfte tot.
So betrachtet, ist totgerupft ein RELATIV gutes Wort – wenn man den ersten Schock verdaut hat.

Ich überlegte also, was von der Wunschliste für mich als Geschenk in Frage käme. Wunsch 1 ließ mich einfach nicht los, auch wenn ich ahnte, dass die Decke mehr kosten würde, als ich bereit war, auszugeben. Und da war noch was: Ich hatte das Wort „totgerupft“ zwar mittlerweile in meinem privaten Umfeld das ein oder andere Mal über die Lippen gebracht, aber: Wie würde es sich anfühlen, es da draußen in der Welt – im öffentlichen Raum – zu einer wildfremden Person zu sagen? Meine Neugier trieb mich in ein Spezialgeschäft. Ich marschierte stracks in die Deckenabteilung und begutachtete die Schilder an den Regalen. „Daunen“ las ich, auch „Bio“. Aber „totgerupft“? Fehlanzeige. Ich suchte einen Mitarbeiter auf.
„Entschuldigen Sie, ich suche eine Daunendecke.“ Und dann sagte ich es: „Totgerupft.“
Der Mitarbeiter, der gerade dabei war, Artikel in Plastiksäcke zu stopfen, hörte sofort damit auf. Mit gerunzelter Stirn starrte er mich an. Ich fühlte mich schlecht. So, als ob ich gerade „lebendgerupft“ gesagt hätte. Ich versuchte, mich aus der Verantwortung zu ziehen und zückte mein Telefon: „Ich habe hier eine Wunschliste bekommen. Da steht …“ Ich las Wunsch 1 vor. Er begann zu sprechen – wenn auch nicht mit mir. „Petra! Kommste mal?“
Eine blonde Frau mit Brille kam lächelnd auf mich zu. „Was kann ich für Sie tun?“
Ich wiederholte mein Anliegen. „Totgerupft.“ Ihr Lächeln verschwand augenblicklich. „In unserem Haus sind alle Daunen …“ Sie stockte und begann einen neuen Satz: „Wir führen keine Daunen aus Lebendrupf. Damit würden wir unseren Namen kaputtmachen.“ Und so, wie sie mich ansah, war ich jemand, der es nur darauf angelegt hatte, den guten Namen ihres Geschäfts zu beschmutzen. Denn totgerupft war hier ein verbotenes Wort. Könnte Kunden verschrecken. Auch wenn es eigentlich ein Qualitätsmerkmal sein sollte. Lebendrupf zog sie als Wort vor. Leben klingt besser als tot. Dafür braucht man kein Marketing-Experte sein.
Sie zeigte mir dann noch eine passende Decke in Übergröße. Da die aber 399 Euro kostete und mein Budget um 389 Euro überschritt, verließ ich unauffällig das Spezialgeschäft.

Am Abend deckte ich mich dann ruhigen Gewissens zu. Als Hausstauballergiker verzichte ich auf Daunen. Und bevor ich einschlief, dachte ich bei mir: Wir sollten die Dinge öfter beim Namen nennen. Wir konsumieren ohne Ende, wollen und sollen aber nicht wissen, was genau. Das einzige Wort, das mir dazu einfiel, war das hier: Scheiße.

Auf bald

Euer und CARLS Co-Schreiber

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.