Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

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Schöne Worte #10 – schulhofkorrekt

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Letzte Woche: In einem Workshop lege ich Jugendlichen eine Liste mit Eigenschaften vor. Da stehen Wörter drauf wie zum Beispiel gelassen, aufbrausend, diplomatisch, neugierig, extravagant oder korrekt.
Sie diskutieren leise darüber, was das ein oder andere Wort genau bedeuten soll und ich höre, wie ein Junge zu seinem Sitznachbarn sagt: „Leo ist zum Beispiel korrekt. Und du bist auf jeden Fall auch korrekt!“
„Ah“, sagt der Sitznachbar, bedankt sich dann und gibt die Blumen zurück: „Ich find‘ dich auch voll korrekt.“
„Danke!“
Ich frage in die Runde: „Was bedeutet eigentlich korrekt?“
Fünf Arme gehen sofort in die Luft. Wie bei einer Marionettenchoreographie. Ob das erstaunlich, zufällig oder typisch ist, will ich gerade nicht erörtern, ich will es aber auch nicht verschweigen: Es sind ausschließlich Jungs, die sich bei dieser Frage sofort melden. Dann erklären sie der Runde, was „korrekt“ bedeutet:
„Wenn jemand korrekt ist, ist er cool.“
„Einer der korrekt ist, ist in Ordnung.“
Wieder höre ich, dass Leo korrekt sei und mir fällt auf, dass in diesem Workshop gar kein Leo teilnimmt. Scheint aber ein korrekter Typ zu sein.
„Diese Waffeln von Manner sind korrekt.“
„Korrekt ist einfach korrekt.“
Jetzt geht der erste Mädchenarm in die Luft.
Das Mädchen erklärt, dass es „schulhofkorrekt“ und „nichtschulhofkorrekt“ gibt.
Weltklasse, denke ich, weil ich ihren Satz so wunderbar finde:
Es gibt schulhofkorrekt und nichtschulhofkorrekt.
Einige nicken, während sie diesen Satz sagt. Ich auch.
Mit schulhofkorrekt meint sie eine Sprachform. „Jugendsprache“ würden viele sagen. Oder Slang.
Wir widmen uns dem nichtschulhofkorrekt – also dem korrekt im eigentlichen Sprachgebrauch (wenn es so etwas gibt). Weniger als die Hälfte der Jugendlichen hat eine Antwort darauf, was korrekt hier meint. Gemeinsam erarbeiten wir, dass korrekt „richtig“ bedeutet oder „fehlerfrei“ aber auch „ordentlich“.
„In Ordnung“ tauchte ja auch beim schulhofkorrekt auf, denke ich und gebe noch zum Besten, dass Menschen, die als korrekt bezeichnet werden, oft ganz besonders genau und penibel sind. Kleinkariert und Korinthenkacker sind schöne Worte, die mir einfallen, die ich aber für mich behalte und sehe dabei Nachbarn vor Augen, die ihre Hecke milimetergenau schneiden und sich über die Lage ihrer Grundstücksgrenzen streiten. Die Deutsche Bürokratie fällt mir noch ein, die wohl nicht ganz zu Unrecht den Ruf hat, besonders korrekt zu sein. Genug der Korrektheit. Wir starten mit der Übung.

Doch auch nach dem Workshop lässt mich die Korrekt-Frage nicht los und ich suche Hilfe im Duden. Da steht:

1. richtig; einwandfrei
2. angemessen; bestimmten [gesellschaftlichen] Normen, Vorschriften oder [moralischen] Grundsätzen entsprechend
Außerdem lese ich in einem Lexikon der Jugendsprache, dass korrekt hier „gut“ und „in Ordnung“ bedeuten soll.

Mir dämmert: Was die Bedeutung angeht, dürfte es kaum Unterschiede zwischen schulhofkorrekt und nichtschulhofkorrekt geben.
Leo zum Beispiel wird ein einwandfreier Typ sein. Im Auge seiner Betrachter genau richtig. Er ist in Ordnung, man könnte auch sagen: ordentlich. Auch wenn er sein Zimmer nicht aufräumt, ist er korrekt. Seine Mutter würde dem wahrscheinlich nicht zustimmen, weil es nicht ihrer Norm entspricht und sie es gerne sauber hätte. Aber wenn es der Norm seiner Kumpels entspricht, werden sie sein Verhalten als korrekt bewerten. Unordentlichkeit kann korrekt sein. Im Duden steht es. Korrekt bedeutet: den Vorschriften oder (moralischen) Grundsätzen entsprechend. Die sind aber je nach Gruppe verschieden.
Wenn Leo nun in einer Mathearbeit auf die Frage: Was ist die Wurzel aus 9? „5“ antwortet, wird sein Mathelehrer sagen, das sei nicht korrekt, weil es nicht richtig ist. Ein Fehler. Also falsch. Laut Duden wäre die Aussage des Lehrers richtig, denn nach den Grundsätzen der Mathematik, ihrer Vorschriften, Normen und Regeln, ist die Wurzel aus 9 = 3.
Sollte es im Freundeskreis von Leo angesehen sein, falsche Antworten in Mathearbeiten zu geben, dann würden seine Freunde die Antwort „5“ auch als korrekt bezeichnen.
Der Unterschied zwischen schulhofkorrekt und nichtschulhofkorrekt dürfte also eher in der sozialen Funktion liegen. Ich vermute, in bestimmten Gruppen wird das Wort korrekt vergleichweise häufig gesagt. Damit wird die soziale Zugehörigkeit zu einer Gruppe angezeigt. Ich denke da zum Beispiel an die fünf Jungenarme, die hochschnellten, als die Korrekt-Frage auftauchte. Die Jungs machten damit unmissverständlich klar: Wir gehören zu einer Gruppe, in der häufiger mal „korrekt“ gesagt wird. Und eine solche Gruppe hat eigene Gesetze und Regeln, die unter anderem durch die Nutzung des Wortes korrekt bestimmt werden. Was korrekt ist und was nicht, lotet also die Moralvorstellungen und das Wertesystem der jeweiligen Gruppe aus.
Das vermeintliche schulhofkorrekt wird also absolut (nichtschulhof-)korrekt verwendet.

Auf bald

Euer und CARLs Co-Schreiber

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