Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

Schöne Worte #9 – Doppelback, Zartissa, BoHim

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Heute berichte ich von den Händlern, die mich und meine Familie während meiner Kindheit besuchten. Ihre Besuche waren wie kleine Schauspiele. Die Händler traten auf und traten wieder ab. Wie auf einer Bühne. Und alles an ihnen sprach zu mir: Ihre Worte. Ihre Handlungen. Ihre Waren.
Dienstags kam der Bäcker, mittwochs der Eiermann und freitags der Obstmann. Der Bofrostfahrer kam alle paar Wochen. Genau wie die Hakafrau. Aber ich wusste nie, wann.
Von niemandem kannten wir den Namen. Der Eiermann hieß Eiermann. Der Obstmann hieß Obstmann. Doch der Bäcker hieß nicht Brotmann. Der Obstmann hätte auch Gemüsemann heißen können. Hieß er aber nicht. Der Bofrostfahrer hieß nicht Bofrostmann. Auch die Hakafrau kannten wir nicht beim Namen. Obwohl sie stets ihre Visitenkarten daließ. Später habe ich erfahren, dass die Hakafrau in der Familie eines Freundes nicht Hakafrau, sondern Hakawischwaschfrau hieß.

Am liebsten mochte ich den Bäcker. Einmal, als ich im Garten sein Hupen hörte, rannte ich so schnell an die Straße, dass ich mich auf die Klappe legte und mir den Ellbogen aufschlug. Mit Schmackes schob der Bäcker die Seitentür seines vergilbten VW-Bullis auf, vor der sich die Nachbarn zu einer Schlange aufgestellt hatten. Im Bulli standen eingebaute Regale, in denen Brote lagen. Um sie herum wimmelte es von Brotkrümeln, die der Bäcker zwischendurch mit einem hölzernen Handfeger zur Seite kehrte. Das Beste aber war, wie der Bäcker aussah: Er war klein und kräftig, so alt wie ein Opa und trug einen blauen Kittel. Sein Mund war breit und grinste immer. Sein Kopf war rund und sein Gesicht braun gebrannt und voller Bartstoppeln. Ein bisschen sah der Bäcker selber aus wie ein Brot und ich mochte es, wenn er mit kratziger, aber warmer Stimme seine Brote „Bauernstuten“ und „Doppelback“ nannte.

Der Eiermann war ein scheuer Vertreter. Weil er vormittags kam, sah ich ihn nur, wenn ich früher Schulschluss hatte oder krank war. Der Eiermann verließ seinen Wagen nie. Wenn er in die Straße bog, bimmelte er die elektrische Glocke. Er hielt an, setzte seine Lesebrille auf und ging aus der Fahrerkabine nach hinten in den Verkaufswagen. Ich habe ihn in seinem grauen Kittel immer bloß von unten gesehen, weil er so hoch oben hinter der Theke stand.
Der Eierverkauf lief dann so ab:
„Guten Tag.“
„Guten Tag.“
„Was darf’s sein?“
„Eine Palette Eier.“
„Bitteschön.“
„Dankeschön.“
Er klappte den Verkaufswagen zu, stieg in die Fahrerkabine zurück und fuhr davon.

Der Obstmann fuhr einen Pritschenwagen mit grauer Plane und blauem Fahrerhaus. Freitags, gegen kurz vor zwei, stieg er aus, setzte sich einen Lärmschutz auf die Ohren und schlug mit einem Hammer auf ein daumendickes Stück Eisen ein, um seine Anwesenheit kund zu tun:„Bingbingbingbing!“ Im Sommer standen wir mit ihm draußen an der Beifahrerseite und er warf mit Hilfe einer Holzlatte die Plane auf das Pritschendach. Vor uns öffnete sich sein Verkaufsstand voller Obst und Gemüse. Im Winter hatte er seinen Pritschenwagen umgebaut. Über ein Trittbrett betraten wir die Ladefläche von der Rückseite aus und standen gemeinsam mit dem Obstmann in einem engen Gang, an dessen Seiten sich links und rechts Regale auftaten. Eigentlich hatte der Obstmann alles, um der Liebling der Kinder zu sein: Das Eisen, den Hammer, im Sommer Kirschen und Wassermelonen, das ganze Jahr über Süßigkeiten. Er hatte schneeweiße Locken und erdige Finger, ein kräftig gerolltes R, wenn er „ganz frisch“ sagte. Er hatte eine Art stumpfe Handforke mit der er Kartoffeln aus der Kartoffelkiste grub und in eine Eisenschüssel zum Wiegen schüttete. Dabei sprach er von „Linda“. Wenn er Orangen in die Papiertüten füllte, sagte er „Navelina“. Dennoch wäre ich nie schnell zu ihm gerannt. Vor dem Obstmann musste man sich in Acht nehmen. Hinten anstellen. Immer weit genug weg von den Süßigkeiten stehen, damit er nicht auf die Idee kam, ich würde klauen. Niemals fragen: „Für wie viel Pfennig habe ich jetzt?“ Lieber mit zehn Pfennig zu viel und einer Sauren Gurke weniger wieder ins Haus als einen genervten Obstmann. Einmal drückte er mir einen Stapel bedruckter, dünner Papiere in die Hand. „Das sind Wachspapiere, in die sonst Orangen eingewickelt werden. Die kannst du bügeln und sammeln.“ Ich bedankte mich und ging mit meinem neuen Hobby ins Haus zurück. Ich konnte ja schlecht zum Obstmann sagen, dass ich keine Lust hatte, Orangeneinwickelpapier aus Wachs zu bügeln.

Der Bofrostfahrer klingelte an der Haustür. Meine Mutter wollte bloß Erbsen kaufen. Sie war überzeugt von Qualität und Geschmack und wenn sich eines von uns Kindern mal an der Tischkante gestoßen hatte, eignete sich der Beutel Tiefkühlerbsen hervorragend zur Beulenkühlung. Der Bofrostfahrer lächelte freundlich und hatte stets die Eisseite im Katalog aufgeschlagen. Das Himbeereis hieß „BoHim“. Das Nusseis „BoNuss“. Passend zu den „BoErbsen“. Meine Mutter musste sich der Strategie des Bofrostfahrers und dem Gebettel ihrer Kinder beugen.

Die Königin der fahrenden Händler war die Hakafrau. Sie war die einzige, die ins Haus kam.
Mit großer Brille und kurzer Dauerwelle saß sie in unserem Wohnzimmer. Umgeben von einer Duftmischung aus Rosenblättern und Aschenbecher, schlug sie den Katalog auf. Was beim Bofrostfahrer die Erbsen waren, war bei der Hakafrau der Eimer Neutralseife. Aber sie hatte mehr zu bieten als Putzmittel – vor allem Körperpflegeprodukte. Jeden Satz beendete sie mit „Frau Steinfeld“. Oft fiel dabei das Wort „Zartissa“. „Zartissa, Frau Steinfeld?“ Und dann das Highlight: „Ist Sense Tiff.“ Ich spitzte die Ohren. „Sense Tiff“? Was sollte das sein? Ich hatte Tiffy aus der Sesamstraße mit einer Sense in der Hand vor Augen. Und was war „Zartissa“? Die Hakafrau nahm Cremes, Lotionen und Sprays aus ihrem Köfferchen und hielt sie meiner Mutter unter die Nase. „Riechen Se mal! Schön frisch, was? Ist Zartissa. Ist Sense Tiff!“
Meine Mutter äußerte sich wenig dazu. Heute denke ich, dass der Eimer Haka-Neutralseife wirklich spitzenmäßig gewesen sein muss. Der war das einzige Produkt, das nicht „Sense Tiff“ war. Die Neutralseife war „pastös“. Dabei dachte ich dann an unseren Pastor. Was „Sense Tiff“ bedeutete, lernte ich erst im Englischunterricht. Sensitive.

Auf bald!

Euer und CARLs Co-Schreiber

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