Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

Verwirrende Worte #1: Vorsatz

| 2 Kommentare

Was ist ein Satz?
Laut Duden eine „aus mehreren Wörtern bestehende (…) sprachliche Einheit.“
Was ist ein Vorsatz?
Laut deutscher Rechtsprechung das „Wissen und Wollen der Tatbestandsverwirklichung“.
Und was ist ein guter Vorsatz?
Laut Plakat an der Bushaltestelle der Wille zum Abnehmen.

Vor-Satz. Komisches Wort. War der Vorsatz schon vorher da? Vor dem Anfang? Vor dem Wort? Aber kann er nicht eigentlich erst nach dem Wort kommen?

Als Autorin sehen meine guten Vorsätze für dieses noch junge Jahr natürlich so aus:
– schöne neue Worte finden
– ein Buch schreiben (oder zwei?)
– andere zum Lesen und Schreiben motivieren

Ist das nicht ganz normal, wenn Schreiben sowieso mein Beruf ist? Muss da nicht ein größerer Vorsatz her? Einen Marathon laufen! Chinesisch lernen! Ein Baumhaus bauen!
Solche Vorsätze fallen dann mit Sicherheit in die Kategorie der (gemäß nicht repräsentativer Internetrecherche) 95 Prozent, die nicht eingehalten werden. Jedenfalls, wenn ich sie mir vornehme.

Vorsätze sollten konkret sein.
Machbar.
Aber spürbar groß (so sagt es, lerne ich bei Wikipedia, der katholische Katechismus).

Hm.

Vielleicht sollten wir erst mal innehalten und schauen, was wir im vergangenen Jahr oder in den vergangenen Jahren schon geschafft haben:
Haben wir jemanden aufopfernd gepflegt?
Kinder erzogen?
Eine wichtige Prüfung bestanden?
Uns in einen Job eingearbeitet?
Ein neues Leben begonnen wie die Menschen, über die Moutasm in seinem Artikel schreibt?
Oder das erste Mal Marmelade selbst eingekocht?

Vermutlich nehmen sich nur wenige an Silvester vor, Marmelade einzukochen. Aber sind Erfolge denn weniger wert, wenn es vorher keinen Vorsatz gab (so wie eine schlimme Tat weniger strafbar wird, wenn sie fahrlässig und nicht vorsätzlich begangen wurde)?

Nein, ich denke, wir dürfen uns auch über ungeplante Erfolge freuen. Und sollten an diese anknüpfen, anstatt völlig unrealistische Vorsätze frustriert wieder über den Haufen zu werfen.

Daher betrachte ich zufrieden, was ich letztes Jahr geschafft habe. Unter anderem habe ich ein Kinderbuch herausgebracht. Und ich stelle fest, dass das auch einen Vorsatz hat. So heißt nämlich das Blatt, mit dem der Buchblock an den Buchdeckel geklebt wird. Die Klebeseite nennt sich Anpappblatt, die andere dagegen Fliegendes Blatt. Und schon habe ich ganz nebenbei zwei neue schöne Wörter gefunden. Allerdings mit Vorsatz.

Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich ein wie auch immer erfolgreiches neues Jahr.
Eure und Carls Co-Schreiberin

2 Kommentare

  1. Das ist ja ein vorsätzlich schöner Text. 😉

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