Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

Ein offenes Wort #1:
Weil vielen jetzt der Arsch auf Grundeis geht

| 4 Kommentare

Mein Name ist Moutasm Alyounes. Ich bin 18 Jahre alt und komme aus Syrien. Seit 15 Monaten lebe ich in Deutschland. Heute möchte ich ein Thema ansprechen, das sowohl die Syrer als auch die Deutschen betrifft.
Viele Deutsche haben Verständnis für den aktuellen Flüchtlingsstrom. Ich möchte unsere Worte aber auch an diejenigen richten, die vor uns Angst haben und sich fürchten. Ich möchte ihnen sagen, dass wir vor dem Tod, Terrorismus, Unterdrückung und Unsicherheit geflüchtet sind. Wir sind nicht aus wirtschaftlichen oder persönlichen Gründen gekommen, sondern wurden gezwungen, diesen Weg in dieses neue Leben zu gehen.

Viele von euch und euren Vorfahren haben den Krieg erlebt und wissen, wie schrecklich der Krieg ist. Ihr könnt euch vorstellen, wie groß das Leid für jemanden ist, dessen Land vor seinen Augen zerstört wurde, und er machtlos zusehen muss und nichts für die Rettung seiner Heimat tun kann.

Vor dem Krieg waren wir mit unserem Leben sehr zufrieden. Zu dieser Zeit hat niemand darüber nachgedacht, Syrien zu verlassen. Der Krieg hat uns dazu gezwungen. Wir mussten fliehen, um wieder ein Leben in Sicherheit führen zu können. Wir möchten uns in eure Gesellschaft integrieren und uns entsprechend an das Grundgesetz halten. Wir möchten, dass wir zusammen friedvoll leben und zueinanderstehen, weil wir zusammen stärker sind. Das alles schaffen wir nicht alleine, nicht ohne euch – und ihr schafft es auch nicht ohne uns.

Daher sollten wir uns gegenseitig unterstützen. Wir haben vieles verloren, aber unsere Träume haben wir behalten. Diese möchten wir auch hier verwirklichen, um aktiv an der Gesellschaft teilhaben zu können. Viele von uns finden euer Land und eure Gastfreundlichkeit ganz toll, aber viele von uns träumen auch davon, in unsere Heimat zurückzukehren. Bestimmt sehnt sich jeder nach dem Ort, an dem er aufgewachsen ist.

Ich hoffe, dass ihr meine Gedanken versteht. Bitte haltet nicht an Vorurteilen fest, sondern macht euch eure eigenen Gedanken und sammelt eure eigenen Erfahrungen, damit die Dinge einen guten Lauf nehmen können. Wir wissen, dass wir nicht alle gut sind, aber auch nicht alle schlecht. Wir sind Menschen, genau wie ihr, und Menschen sind nicht perfekt. Egal, wo wir herkommen. Wir machen alle Fehler.

„Unterdrückt nicht die Fremden, die bei euch im Land leben, sondern behandelt sie genau wie euresgleichen (Bibel:3. Mose, Levitikus 19,33-34)!“ Hetzen und Abschotten bringt uns nicht weiter. Aber Kennenlernen. Wir schätzen dieses Land wie ihr auch. Vorurteile machen ein harmonisches Zusammenleben schwierig.

Es gibt ein arabisches Sprichwort: „Wenn Du mir dein Haus gibst, gebe ich Dir mein Blut.“ Die Deutschen haben uns geholfen, das werden wir in hundert Jahren nicht vergessen.

Moutasm Alyounes

4 Kommentare

  1. Prima geschrieben. Mein Vorschlag: Syrer/innen kümmern sich um unbegleitete jugendliche Flüchtlinge, vor allem um solche, die weder Englisch noch Deutsch können. Oft können auch die Betreuer/innen kein Arabisch oder kein Dari und so könnten diese Jungen und Mädchen etwas Ansprache und moralische Hilfe gebrauchen. Das wäre eine gute soziale Aufgabe, die Menschen, die selbst geflüchtet sind, gut könnten.

  2. Lieber Moutasm,
    ich bin sehr beeindruckt von Deinem Artikel. Vielen Dank für die guten Worte!
    Ich hoffe es geht Euch gut. Ich wünsche Dir und Deinen Brüdern ein glückliches und gesundes Neues Jahr!
    Herzliche Grüße
    Inga Möller

  3. Pingback: Verwirrende Worte #1: Vorsatz |

  4. Das ist ein sehr schöner Brief, den Du geschrieben hast, Moutasm, und ich habe viel Respekt vor Dir und den vielen Anderen, die sich hier in der Fremde versuchen zurecht zu finden- und zu integrieren.

    Ich kann als Kulturmentorin gelegentlich Flüchtlinge mitnehmen in eine Oper, ins Planetarium oder ein Musikangebot. Auch wenn das fremd und ein ganz andere Kultur ist, als sie gewohnt sind, ist da immer viel Offenheit, Dankbarkeit und Freude, die aus den Herzen strahlt.

    Wenn ich dann erlebe, wie Flüchtligen wie DU, Adham, Hoger und andere selbst anpacken in Essen (und anderswo) und gemeinnützige Sachen unterstützen wie die Obdachlosenhilfe- dann weiss ich, viele sind auf einem guten Weg, unser Land mit ihren Händen und Herzen zu bereichern!

    Mit besten Grüßen,
    Sabine

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