Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

Schöne Worte #8 – zwischen den Jahren

| Keine Kommentare

Als Kind konnte ich eine Weile lang das Wort ZWISCHEN nicht aussprechen. Es klang eher wie Zschwissen. Mittlerweile habe ich dazugelernt. Das Wort klingt jetzt schöner. Weicher. Ohne den zischenden S-Laut. Zischen und zwischen … nur einen Buchstaben voneinander entfernt … Aber egal.

Ich bin froh, dass ich ZWISCHEN mittlerweile aussprechen kann. Denn ohne dieses Wort gäbe es meine aktuell allerliebste Lieblingswortkombination nicht: ZWISCHEN DEN JAHREN.

Früher konnte ich diese Tage zwischen Weihnachten und Neujahr nicht leiden. Tage, in denen nichts passierte. Ein Loch, das da klaffte. Ein Nichts. Früher war es bei mir nämlich so: Je leiser und ruhiger es um mich herum war, desto lauter und unruhiger wurde es in mir drin. Weil ich mir immerzu wünschte, dass etwas passierte. Etwas Lautes. Krachendes. Wie ein Silvesterfeuerwerk. Weil ich all die quälenden Fragen um Zukunft, Liebe, das Leben und, schlimmer noch, den Sinn des Lebens am besten ignorieren konnte, wenn es laut war.

Heute liebe ich die Worte ZWISCHEN DEN JAHREN. Von Jahr zu Jahr mehr. Tage, die aus der Zeit gefallen sind. Die weder zum alten, noch zum neuen Jahr wirklich gehören. Tage, die nur mir gehören. In einem Jahr, das voll und bunt und laut ist und von einem vollen, bunten, lauten neuen Jahr abgelöst wird, sind diese aus der Zeit gefallenen Tage mein Ort der Stille und Ruhe.

Deswegen tue ich mittlerweile alles, um sie zu schützen. In diesem Jahr will ich in diesen Tagen meinen zweiten Roman beginnen. Dafür muss der Schreibtisch leer sein. Nur mein Laptop darf da stehen und erwartungsvoll und ungeduldig die Klappe aufreißen. Wie ein Vogeljunges, das gefüttert werden will. Nichts darf in diese Zeit des Wedernoch überlappen. Alles muss erledigt sein.

Entsprechend beschäftigt war ich vor Weihnachten. Als ich mich zur Schreibambulanz mit CARLs Co-Schreiber traf, musste ich auch noch eben schnell etwas erledigen vorher und entschuldigte mich damit, dass ich gerade ziemlich ZWISCHEN DEN TÜREN sei. Ein Versprecher, der es gut trifft, fanden wir. Zwischen den Stühlen sitzen klingt unbequem, aber sesshaft. Zwischen den Türen hingegen ist man immer in Bewegung. Und von Tür zu Tür trug ich alles Gerümpel, das noch abgearbeitet werden sollte vor Weihnachten.

Denn der ZWISCHENRAUM, der sich verheißungsvoll auftut zwischen Weihnachten und Neujahr, muss frei von Gerümpel sein. ZWISCHENRAUM. Auch so ein schönes Wort. Auch so ein Wedernoch. Da passt es doch, dass ich mein Büro in einem Zwischenraum eingerichtet habe. Einem Durchgangsraum, den niemand brauchte. Hier sitze ich nun. Zwischen den Jahren.
Und genieße den freien Raum.
Die Stille.
Pssst … nicht stören …

Eure CARLs Schreiberin

 

P.S.: Natürlich habe ich den Beitrag nicht jetzt geschrieben. Sondern bereits vor den Feiertagen. Zwischen allem, was noch zu erledigen war. Zwischen letzten Projekten, die abgeschlossen werden mussten und Mails. Zwischen Reinigung und Klempnerbesuch. Zwischen zwei Anstrichen Nagellack. Im Dazwischen ist eben immer noch ein kleiner Raum, der nur auf mich wartet …

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.