Carls Schreiberin

Zeche Carl, Essen

Carls Schreiberin

Schreibambulanz II. Offene Worte zur Weihnacht.

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Die meisten Menschen freuen sich wochenlang darauf. Ich auch. Nichts geht über Weihnachten. Jetzt ist Weihnachten. Und jetzt bin ich traurig. Wie üblich in diesen Tagen. Das vergesse ich aber vorher immer. Vor Weihnachten ist Weihnachten immer Friede, Freude, Eierkuchen. Auch wenn ich vorher natürlich weiß, dass dieses Kindheitsweihnachtsgefühl mit seinem Zauber, von dem wir glauben, dass es das einzige und richtige Weihnachtsgefühl ist, wahrscheinlich nicht mehr in mir aufsteigen wird.

Ich sitze also hier. Der Baum leuchtet. Und ich muss an einen Menschen denken, der nicht mehr da sein kann. Ich hätte ihn aber gerne da. Was mich noch trauriger macht: Ich glaube, er wäre auch gerne dabei, jetzt. Trotzdem mag ich Weihnachten. Es ist bloß anders als früher.

Ich hatte niemals vor, in einem Blog offen über meine Weihnachtstraurigkeit zu schreiben, aber es passiert gerade – und hat einen Grund.

Vor ein paar Tagen: Ich nehme gemeinsam mit CARLs Schreiberin im Altenessener Alleecenter Platz. Schreibambulanz. Weihnachtskarten im Auftrag von Menschen für Menschen schreiben. Ich sitze auf einer Bank an einem Tisch und mir gegenüber fremde Menschen, die mehrere Sachen gemein haben: Ihre Offenheit zum Beispiel. Oder ihr Vertrauen. Offen erzählen sie mir von ihren Gefühlen und den besonderen Verbindungen zu Menschen, die sie in ihr Herz geschlossen haben. Hier passiert gerade etwas nicht ganz Alltägliches, denke ich. Ich meine, da hockt ein wildfremder Typ – CARLs Co-Schreiber – mit einem Lebkuchenherz um den Hals und einem Schnurrbart unter der Nase im Alleecenter und ihm begegnen Menschen, die sich öffnen. So wie K. Noch keine 18, schätze ich. Hat noch nie eine Weihnachtskarte geschrieben, sagt er. Aber seine Mutter, die hat eine verdient. Er will „Danke“ sagen. Dafür, dass sie immer für ihn da war, ihm immer versucht hat, alles, was irgendwie ging, zu ermöglichen. Auch wenn sie selbst nicht viel hat. Ich schaue kurz hoch. Ks Hände zittern. Sein Blick ist angespannt. Aber K. schaut mir in die Augen. Er zieht das jetzt durch. Er wünscht, dass all ihre Wünsche in Erfüllung gehen. Man merkt: Das ist gerade keine Floskel, die er abspult. K. meint, was er sagt. Und es ist ihm ungeheuer wichtig. Im Alleecenter ist es zwar warm, aber ich kremple schnell meine Hemdärmel runter, damit K. nicht sieht, dass meine Armhaare sich aufstellen.

Vielleicht sitzt Ks Mutter gerade irgendwo in Altenessen auf einem Sofa, denke ich jetzt. Ihr Baum leuchtet so wie unserer hier und sie liest die Weihnachtskarte ihres Sohnes. Sie freut sich.

Dann sitzt mir N. gegenüber. Ü50. Freundliches Lächeln. Bodenständiger Typ. Er fängt an zu erzählen. Von seiner „liebsten Freundin“. Die beiden haben sich dieses Jahr kennegelernt. Nächstes Jahr will er sie heiraten. Er ist ihr dankbar. Das bringt er klar zum Ausdruck und zählt Eigenschaften auf, die er an ihr schätzt. Ich sage ihm, dass ich das „liebste Freundin“ gerne in den Text aufnehmen würde. Ihm ist wichtig, dass sie weiß, sie ist mehr als nur seine liebste Freundin. Ich hatte meine Ärmel zwischendurch wieder hochgekrempelt und ziehe sieh jetzt wieder runter. Es ist wieder so weit. Das liegt nicht an den Schlagworten, die im Gespräch fallen, sondern daran, dass mein Gegenüber mit so leuchtenden Augen von einem, ihm lieben Menschen spricht und die Situation von solch einer Selbstverständlichkeit geprägt ist. Ganz so, als würden wir beide Tag ein Tag aus nie etwas Anderes tun, als im Alleecenter sitzen und über seine liebste Freundin sprechen. CARLs Schreiberin fragt mich, ob ich Taschentücher hätte. Bei ihr am Tisch fließen Tränen. Und ich denke: Was ist hier eigentlich los?

Jetzt, an Weihnachten, da denke ich an N. und seine liebste Freundin, die noch so viel mehr für ihn ist. Ich hoffe, die Karte gefällt ihr.

Natürlich geht es in den zwei Stunden nicht durchgehend so emotional zu. Aber alle, die zu mir kommen, haben jemanden, den sie gerne haben, dem sie etwas Schönes wünschen, dem sie dankbar sind. Und sie verabschieden sich alle mit einem Lächeln im Gesicht.

Ich schreibe an Mütter, Väter, Ehepartner, Lebensgefährten und -gefährtinnen, Schwestern und Brüder. Weihnachten ist das Fest der Liebe. Und das Fest der Familie. Ich schreibe an einen alten Schulfreund. Ich schreibe an eine Hundetrainerin. Weihnachten ist auch das Fest alter Schulfreunde und das Fest der Hundetrainerinnen.

Ich sitze jetzt hier. Der Baum leuchtet und ich bin froh, dass ich auch liebe Menschen um mich herum habe. Ich muss an einen Satz denken, der so oder in anderer Form immer wieder auftauchte: „Danke, dass du da bist. Für mich.“ „Danke, dass es dich gibt.“ Was so banal klingt, ist doch das Wichtigste von allem. Weihnachten ist das Fest des Daseins, denke ich. Mit anderen. Für andere. Sonst wäre ich sicherlich nicht traurig darüber, dass jemand nicht mehr da ist. Ich bin jedenfalls dankbar, dass ich im Alleecenter da war. Und das Menschen da waren, die sich Kartentexte wünschten. Für die Menschen, die für sie da sind.

Das ist jetzt mein neues Weihnachtsgefühl. Froh sein, dass jemand da ist. Ist nicht ganz so aufregend wie das Weihnachtsgefühl von früher – hat aber auch seinen Zauber. Egal, ob die Menschen wirklich neben uns sitzen oder wir an sie denken. Dann sind sie nämlich auch da.

Ich wünsche Euch schöne Feiertage. Gemeinsam mit Euren Lieben. Schön, dass Ihr da seid!

Euer und CARLs Co-Schreiber

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